Zum alten Hermann

Zur Vorbereitung für einen Ausflug zum Hermannsdenkmal:




Liberator haud dubie Germaniae - Ohne Zweifel war er der Befreier Germaniens: Arminius. Das zumindest erklärte Cornelius Tacitus. Vielleicht ist dies der wirkungsmächtigste Aspekt für die Rezeptionsgeschichte der historischen Figur des Arminius. Es ist aber bei weitem nicht das einzige Motiv, das aus einer historischen Person eine literarische, eine mythische Figur werden ließ. Arminius, der nach vermeintlicher Rückübertragung seines Namens ins "Germanische" Hermann genannt wurde, bot trotz der überschaubaren Überlieferung hervorrages Material zur literarischen Bearbeitung. Geschichten vom Kampf und Sieg gegen übermächtige Agressoren (Arminius und Varus) lassen sich mit ihm ebenso erzählen wie die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe, bei der die Braut aus dem Haus ihres Vaters entführt werden muss (Arminius und Thusnelda). Familien- und politische Intrigen sind miteinander verwoben (Arminius und Segestes). Zwei ungleiche Brüder stehen sich im Krieg auf feindlichen Seiten gegenüber (Arminius und Flavus). Am Ende steht der Tod des Arminius-Hermann durch Verrat seiner Verwandten. Was für ein Stoff!

Nachdem am Ende des Mittelalters mit Tacitus die Hauptquelle dieser Geschichte wiederentdeckt wurde, dauerte es jedoch einige Generationen, bis der Stoff sein Potential entfalten konnte. Im 18. Jahrhundert bewegt die Gestalt des Arminius zunehmend die Dichter. Schlegel, Möser, Wieland, Klopstock - später Kleist und Grabbe seien nur als die prominentesten unter den Dichtern von unzähligen Hermannsdramen und Gedichten genannt. Das Arminius-Hermann im Zuge des sich entwickelnden deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts mit sich aufdrängender Parallelsetzung von Rom = Frankreich zum mythischen Nationalhelden wurde, erscheint unvermeidlich. Zwischen 1871 und 1914 entstanden allein 55 dramatische Bearbeitungen des Stoffes - keine von ihnen aber erreichte den Stellenwert der älteren. Der historische Arminius war allerdings längst vom literarisch-mythischen in seiner Bedeutung überholt.

Artikel: Arminius, in: Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur, 9Stuttgart 1998, S. 61-64.
Henning Buck: Der Literarische Arminius – Inszenierungen einer sagenhaften Gestalt, in:Wolfgang Schlüter (Hrsg.): Kalkriese – Römer im Osnabrücker Land, Bramsche 1993, S. 267-282.

Erstaunlich ist, dass sich die erzählerische Bearbeitung des Stoffes in Grenzen hält. Die Online-Datenbank des Projekts Historischer Roman kennt für den Bearbeitungszeitraum (1780-1945) nur 17 Werke dieser Gattung, die den Arminius-Hermann-Stoff bearbeiteten. Keiner der gelisteten Autoren gehört zur ersten Garde deutschsprachiger Erzähler.

Wie mir scheint, steht die Rezeption des Arminius-Hermann Stoffes in den bildenden Künsten weit hinter den aus Worten geschaffenen Denkmälern zurück. Ein einziges Werk der bildenden Künste mag man allerdings schwer übersehen: Das Hermannsdenkmal bei Detmold. Ich bin kein Kunsthistoriker. Nur: Ich trinke meinen Whisky gern unvermischt. Das Ganze hat keinen einheitlichen Stil. Wer "Kunst“ jedoch eher vom Schöpfungsprozess her beurteilt, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Entstehungsgeschichte dieses Werkes gut selbst den Stoff für einen Roman abgeben könnte, dessen Titelfigur ein gegen alle Widrigkeiten ringender Künstler ist.

Güntther Engelbert (Hrsg.): Ein Jahrhundert Hermannsdenkmal - 1875-1975, Detmold 1975.
Werner M. Doyé: Arminius, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte III, 2München 2002, S. S. 587-602; Anm. S.733f.

http://www.hermannsdenkmal.de/

http://www.erziehung.uni-giessen.de/studis/Robert/hermsam.html

Dieses Werk inspirierte dann erneut die Dichter. Lesetip: Heinrich Heines Gedanken zum Hermann finden sich unter:

http://gutenberg.spiegel.de/heine/wintmrch/wintmr11.htm

Als Platz der Erinnerung an die Geschichte von Arminius-Hermann ist das Denkmal in den vergangenen Jahren etwas ins Hintertreffen geraten, seit man meint, in der Nähe von Osnabrück am Kalkrieser Berg den Ort der Hermannsschlacht - der aktuelle Sprachgebrauch sieht hier den passenderen Begriff Varusschlacht vor - wiedergefunden zu haben. Hier befindet sich allerdings eine völlig anders geartete "Gedenkstätte". Zu dieser und zum historischen Arminius:

http://www.kalkriese-varusschlacht.de/

http://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/projekt/start.html

Allerdings ist die Kalkrieser Varusschlacht eine in der althistorischen Forschung nicht ganz unumstrittene Geschichte. In Braunschweig entsteht zu diesem Thema gerade eine Magisterarbeit.

Ein Witz am Rande: Das Denkmal wurde bewußt am Platz einer vorgeschichtlichen Ringwallanlage erbaut.

→ Mehr zu: Die Grotenburg - vorgeschichtliche Befestigung um das Hermannsdenkmal


→ zurück zum Seitenanfang


HOME

Rechtliches

Technisches

Vorgeschichte

Ausflüge

Kontakt