Kampagne 2006:

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Lothars kleines Grabungstagebuch XIV:

Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

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4. Exkurs:

Zur Einwohnerzahl der befestigten Siedlung bei Isingerode in der jüngeren Bronzezeit

Häufig wird uns von Besuchern die Frage gestellt, wie viele Menschen denn wohl in der befestigten Siedlung bei Isingerode vor 3000 Jahren gelebt hätten. Die ehrliche, aber höchst unbefriedigende Antwort ist:
Wir wissen es nicht.

Ganz so einfach wollen wir uns aber nicht davonstehlen.
In einem älteren Aufsatz versuchte Joachim Herrmann die Einwohnerzahlen von befestigten Siedlungen der jüngeren Bronze- / frühen Eisenzeit abzuschätzen. Als Grundlage dienten ihm hierzu Werte, die für die früheisenzeitliche befestigte Siedlung Biskupin (Polen) ermittelt wurden. Da eine dichtere Bebauung als in Biskupin undenkbar sei, könne man bei Annahme einer Fläche von 15 Quadratmeter pro Einwohner immerhin eine maximale Einwohnerzahl für befestigte Siedlungen jener Epoche errechnen, so meinte er. 

Wenn wir eine solche Schätzung auch für Isingerode durchführen wollen, sind vorher folgende Einschränkungen für die Aussagekraft der Berechnung zu machen:
- Die Qualität der für Biskupin ermittelten Werte kann ich nicht überprüfen, da mir die entsprechenden Detailuntersuchungen nicht vorliegen. Uns muss genügen, dass Joachim Herrmann als einer der wichtigsten Experten für bronzezeitlichen Befestigungsbau sie für ausreichend gut befand.
- Biskupin gehörte zu einer anderen Randgruppe der Lausitzer Kultur und wurde in einem anderen landschaftlichen Umfeld errichtet. Die Befestigung setzt erst sehr spät ein, zu einem Zeitpunkt, als Isingerode möglicher Weise bereits aufgegeben war. Die beiden Siedlungen sind nur sehr eingeschränkt miteinander vergleichbar.
- Zur Dichte der Innenbebauung von Isingerode können wir keine sicheren Aussagen machen. Von der Innenfläche sind gerade 30 Quadratmeter aufgedeckt und noch nicht einmal abschließend untersucht. Zwar zeigt sich hier ein hervorragender Erhaltungszustand von Baustrukturen. Ich persönlich befürchte aber, dass dies nur in unmittelbarer Nähe der verstürzten Wallanlage der Fall ist, während weiter im Inneren die Erhaltung schlechter sein dürfte. Eine flächendeckende Ausgrabung ist sowieso nicht zu leisten.
- Streufunde von der Oberfläche der im Osten und Norden angrenzenden Ackerflächen könnten ein Hinweis auf Besiedlung außerhalb der Befestigungsanlage sein. Falls diese gleichzeitig bestand, wären die Bewohner dem gleichen Gemeinwesen zuzuschlagen. Die Möglichkeit einer Außensiedlung muss unberücksichtigt bleiben.
- Die potentiell besiedelte Fläche wird nach dem Innenraum der inneren Befestigungslinie kalkuliert. Es ist denkbar, dass der auf Luftbildern und durch die Geophysik nachgewiesene äußere Graben nicht gleichzeitig bestand, sondern eine frühere oder spätere Befestigungsphase mit größerem Innenraum wiederspiegelt. Auch diese Möglichkeit muss unberücksichtigt bleiben.

Nach dem derzeitigen Kenntnisstand hat die innere Befestigungslinie von Isingerode ursprünglich eine Fläche von ca. 15.000 Quadratmetern umschlossen (Unterlagen von Wolf-Dieter Steinmetz).
Bei dichtest möglicher Bebauung kämen wir damit auf eine maximale Einwohnerzahl von 1000 Menschen. Das wären etwa doppelt soviele Bewohner, wie das Dorf Isingerode derzeit hat, auf weniger als einem Zehntel der Fläche. Damit wäre eine Siedlungsgröße erreicht, wie sie Frank Kolb in seinem Versuch der Definition des Begriffes "Stadt" für das Altertum als Minimum für die Entstehung urbanen Lebens annimmt. Bisher werden die befestigten Siedlungen der Lausitzer Kultur nicht als "Städte" betrachtet. Erst die großen Siedlungen der keltischen Oppida-Kultur - 500 Jahre später - gelten als frühe Städte. So wurde die in Süddeutschland gelegene "Heuneburg" in der Presse als "älteste Stadt Deutschlands" bezeichnet. Trotz des im Jahre 2001 im Zusammenhang mit der Ausstellung "Troia - Traum und Wirklichkeit" ausgebrochenen Wissenschaftstreits um bestimmte Thesen Kolbs (da ging es darum, ob ein bestimmter Ort in einer bestimmten Epoche mit Recht als "Stadt" bezeichnet werden dürfe - vielleicht aber auch um etwas ganz anderes...), halte ich seine Kriterien für das Vorhandensein von "Stadt" weiterhin für treffend. Bessere Definitionsversuche sind mir nicht bekannt. Nach der jüngeren Forschung aber ist durchaus zu überdenken, ob nicht bereits schon die jüngere Bronzezeit in Mitteleuropa nach diesen Kriterien urbanes Leben entwickelt hat. 
     
Gleichwie: Die Zahl von 1000 Einwohnern erscheint mir für Isingerode als entschieden zu hoch. Dennoch: Auch wenn in unserer Zeit kleinste Städte immerhin mehrere Tausend Einwohner zählen, so stellt für die jüngere Bronzezeit Isingerode mit sicher mehreren Hundert Einwohnern eine außergewöhnlich große Siedlung dar. In Niedersachsen kennen wir für diese Zeit nur einen Ort, der größer gewesen sein dürfte: Die "Hünenburg" bei Watenstedt am Heeseberg.

Bis wir vielleicht irgendwann einmal eine bessere Grundlage für die Schätzung der Einwohnerzahl haben werden, werde ich in Zukunft auf die Frage "Wieviele Bewohner hatte Isingerode vor 3000 Jahren?" antworten: "Isingrode hatte mehrere Hundert Einwohner, vielleicht etwa 500. Das klingt nicht nach viel. Aber es war damit vor 3000 Jahren wahrscheinlich die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen."


Joachim Herrmann: Burgen und befestigte Siedlungen der jüngeren Bronze- und frühen Eisenzeit in Mitteleuropa, in Karl-Heinz Otto / Joachim Herrmann (Hrsg.): Siedlung, Burg und Stadt - Studien zu ihren Anfängen, Berlin 1969, S. 56-94.

Frank Kolb: Die Stadt im Altertum, München 1984. 

(Keine bunten Bilder auf dieser Seite? Ooooch! Dazu fällt mir eine Anekdote vom zweiten Kalkriese-Kongress ein. G. A. Lehmann erklärte zur Einleitung seines Beitrags, die Besucher müssten jetzt leider auf die übliche Diashow verzichten, denn er sei Althistoriker, kein Archäologe. Ich bin leider auch kein Archäologe und nur ein abgebrochener Althistoriker. Allerdings bin ich Fotodesigner, aber die bronzezeitliche Bevölkerung von Isingerode wollte nicht zum Gruppenbild posieren...) 

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