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Häufig wird uns von Besuchern die Frage
gestellt, wie
viele Menschen denn wohl in der befestigten Siedlung bei Isingerode vor
3000 Jahren gelebt hätten. Die ehrliche, aber höchst
unbefriedigende Antwort ist:
Wir wissen es nicht.
Ganz so einfach wollen wir uns aber nicht davonstehlen.
In einem älteren Aufsatz versuchte Joachim Herrmann die
Einwohnerzahlen von befestigten Siedlungen der jüngeren
Bronze- /
frühen Eisenzeit abzuschätzen. Als Grundlage dienten
ihm
hierzu Werte, die für die früheisenzeitliche
befestigte
Siedlung Biskupin (Polen) ermittelt wurden. Da eine dichtere Bebauung
als in Biskupin undenkbar sei, könne man bei Annahme einer
Fläche von 15 Quadratmeter pro Einwohner immerhin eine
maximale
Einwohnerzahl für befestigte Siedlungen jener Epoche
errechnen, so
meinte er.
Wenn wir eine solche Schätzung auch für Isingerode
durchführen wollen, sind vorher folgende
Einschränkungen
für die Aussagekraft der Berechnung zu machen:
- Die Qualität der für Biskupin ermittelten Werte
kann ich
nicht überprüfen, da mir die entsprechenden
Detailuntersuchungen nicht vorliegen. Uns muss genügen, dass
Joachim Herrmann als einer der wichtigsten Experten für
bronzezeitlichen Befestigungsbau sie für ausreichend gut
befand.
- Biskupin gehörte zu einer anderen Randgruppe der Lausitzer
Kultur und wurde in einem anderen landschaftlichen Umfeld errichtet.
Die Befestigung setzt erst sehr spät ein, zu einem Zeitpunkt,
als
Isingerode möglicher Weise bereits aufgegeben war. Die beiden
Siedlungen sind nur sehr eingeschränkt miteinander
vergleichbar.
- Zur Dichte der Innenbebauung von Isingerode können wir keine
sicheren Aussagen machen. Von der Innenfläche sind gerade 30
Quadratmeter aufgedeckt und noch nicht einmal abschließend
untersucht. Zwar zeigt sich hier ein hervorragender Erhaltungszustand
von Baustrukturen. Ich persönlich befürchte aber,
dass dies
nur in unmittelbarer Nähe der verstürzten Wallanlage
der Fall
ist, während weiter im Inneren die Erhaltung schlechter sein
dürfte. Eine flächendeckende Ausgrabung ist sowieso
nicht zu
leisten.
- Streufunde von der Oberfläche der im Osten und Norden
angrenzenden Ackerflächen könnten ein Hinweis auf
Besiedlung
außerhalb der Befestigungsanlage sein. Falls diese
gleichzeitig
bestand, wären die Bewohner dem gleichen Gemeinwesen
zuzuschlagen.
Die Möglichkeit einer Außensiedlung muss
unberücksichtigt bleiben.
- Die potentiell besiedelte Fläche wird nach dem Innenraum der
inneren Befestigungslinie kalkuliert. Es ist denkbar, dass der auf
Luftbildern und durch die Geophysik nachgewiesene
äußere
Graben nicht gleichzeitig bestand, sondern eine frühere oder
spätere Befestigungsphase mit größerem
Innenraum
wiederspiegelt. Auch diese Möglichkeit muss
unberücksichtigt
bleiben.
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand hat die innere Befestigungslinie von
Isingerode ursprünglich eine Fläche von ca. 15.000
Quadratmetern umschlossen (Unterlagen von Wolf-Dieter Steinmetz).
Bei dichtest
möglicher Bebauung kämen wir damit auf
eine maximale
Einwohnerzahl von 1000 Menschen. Das wären etwa
doppelt
soviele Bewohner, wie das Dorf Isingerode derzeit hat, auf weniger als
einem Zehntel der Fläche. Damit wäre eine
Siedlungsgröße erreicht, wie sie Frank Kolb in
seinem
Versuch der Definition des Begriffes "Stadt" für das Altertum
als
Minimum für die Entstehung urbanen Lebens annimmt. Bisher
werden
die befestigten Siedlungen der Lausitzer Kultur nicht als
"Städte"
betrachtet. Erst die großen Siedlungen der keltischen
Oppida-Kultur - 500 Jahre später - gelten als frühe
Städte. So wurde die in Süddeutschland gelegene
"Heuneburg"
in der Presse als "älteste Stadt Deutschlands" bezeichnet.
Trotz
des im Jahre 2001 im Zusammenhang mit der Ausstellung "Troia - Traum
und Wirklichkeit" ausgebrochenen Wissenschaftstreits um bestimmte
Thesen Kolbs (da ging es darum, ob ein bestimmter Ort in einer
bestimmten Epoche mit Recht als "Stadt" bezeichnet werden
dürfe -
vielleicht aber auch um etwas ganz anderes...), halte ich seine
Kriterien für das Vorhandensein von "Stadt" weiterhin
für
treffend. Bessere Definitionsversuche sind mir nicht bekannt. Nach der
jüngeren Forschung aber ist durchaus zu überdenken,
ob nicht
bereits schon die jüngere Bronzezeit in Mitteleuropa nach
diesen
Kriterien urbanes Leben entwickelt hat.
Gleichwie: Die Zahl von 1000 Einwohnern erscheint mir für
Isingerode als entschieden zu hoch. Dennoch: Auch wenn in unserer Zeit
kleinste Städte immerhin mehrere Tausend Einwohner
zählen, so
stellt für die jüngere Bronzezeit Isingerode mit
sicher
mehreren Hundert Einwohnern eine außergewöhnlich
große
Siedlung dar. In Niedersachsen kennen wir für diese Zeit nur
einen
Ort, der größer gewesen sein dürfte: Die
"Hünenburg" bei Watenstedt am Heeseberg.
Bis wir vielleicht irgendwann einmal eine bessere Grundlage
für
die Schätzung der Einwohnerzahl haben werden, werde ich in
Zukunft
auf die Frage "Wieviele Bewohner hatte Isingerode vor 3000 Jahren?"
antworten: "Isingrode hatte mehrere Hundert Einwohner, vielleicht etwa
500. Das klingt nicht nach viel. Aber es war damit vor 3000 Jahren
wahrscheinlich die zweitgrößte Stadt in
Niedersachsen."

Joachim Herrmann: Burgen und befestigte Siedlungen der
jüngeren
Bronze- und frühen Eisenzeit in Mitteleuropa, in Karl-Heinz
Otto /
Joachim Herrmann (Hrsg.): Siedlung, Burg und Stadt - Studien zu ihren
Anfängen, Berlin 1969, S. 56-94.
Frank Kolb: Die Stadt im Altertum, München 1984.
(Keine
bunten Bilder auf
dieser Seite? Ooooch! Dazu fällt mir eine Anekdote vom zweiten
Kalkriese-Kongress ein. G. A. Lehmann erklärte zur
Einleitung
seines Beitrags, die Besucher müssten jetzt leider auf die
übliche Diashow verzichten, denn er sei Althistoriker, kein
Archäologe. Ich bin leider
auch kein Archäologe und nur ein abgebrochener Althistoriker.
Allerdings bin ich Fotodesigner, aber die bronzezeitliche
Bevölkerung von Isingerode wollte nicht zum Gruppenbild posieren... )
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