Kampagne 2006:

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Lothars kleines Grabungstagebuch VIII:

Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

***

19. bis  22. Grabungstag, 18.08. – 21.08.2006:

Da ich aus familiären Gründen an diesen Tagen nicht auf der Grabung sein konnte, erfolgt der Bericht als


Gastbeitrag von Michael:

Michael ,
Historiker M.A.



Das letzte Grabungswochende vor der „Sommerpause“ (18.08. – 21.08.) hatte noch einige Überraschungen parat:


Neben dem (von der Mauer aus gesehen) rechten Pfostenloch erwarteten wir im Bereich der Mauer nichts besonderes mehr – vielmehr wurde davon ausgegangen, daß hier nun die Mauer bis zum natürlichen Boden ergraben wäre. Nur zur Sicherheit sollte ich hier nochmals 20 Zentimeter tiefer gehen. Dann die Überraschung: etwa 20 Zentimeter tiefer tauchte plötzlich ein doch größerer Brandhorizont auf (zumeist Holzkohle). Überreste der abgebrannten Mauer? Oder Brandspuren aus der Zeit vor der Mauer? Mir war bewusst, daß gerade dieser Fund Lothars Phantasie beflügeln würde ... Und auch unser leitender Archäologe versetzte dies etwas in Erstaunen. Und dann noch ein Glücksfund – fast direkt daneben ergrub ich noch eine verzierte Randscherbe. Eine Datierung wird somit möglich sein. (Bild links)


Am folgenden Tag überraschte uns ein heftiger Regenguß. Waren wir hierüber zunächst nicht so erfreut (da wir gerade ein Planum zogen), erwies er sich dann aber als eine glückliche Wendung. Bislang war davon ausgegangen worden, daß es drei „Verfüllungsschichten“ im Graben geben würde. Und die unterste dieser drei Schichten endete doch merklich über dem Brandhorizont in der Mauer. Nun aber – da die Wand feucht geworden war – konnten man deutlich sehen, daß es noch eine vierte Schicht gibt. Und diese endet fast genau dort, wo sich der Brandhorizont befindet. Dieses Geheimnis war also gelöst. (Bild rechts)







Am letzten Grabungstag entpuppte sich dann noch ein „merkwürdiger“ Befund in der hinteren rechten Ecke (von der Mauer aus gesehen) als der Überrest einen mächtigen Pfostens. Weiterhin verstärkten sich die Brandbefunde im Siedlungsbereich beim Zentimeterweisen Abtragen immens. (Bild links)
Insgesamt war dieses Grabungswochenende noch sehr ertragreich – da gab es noch Knochenfunde direkt hinter dem rechten Pfostenloch sowie zahlreiche weitere Scherben, die ans Tageslicht kamen. Und auch die Stimmung im Grabungsteam war ausgesprochen gut – wenn auch uns von den Wespen arg zugesetzt wurde. Eine kroch sogar während einer Mittagspause in die Flasche unseres Archäologen – glücklicherweise stach sie ihn aber nur in die Lippe.
Fortgesetzt wird die Grabung am 23./24. September – und dann solange, wie es das Wetter erlaubt. Also hoffe ich auch aus diesem Grund auf einen „Goldenen Herbst“!

***

3. Exkurs:

02.09.2006
Tag der offenen Ausgrabung auf der Hünenburg am Heeseberg
Watenstedt / Landkreis Helmstedt
Unsere "Schwestergrabung"

Kurzfristig hatte ich erfahren, dass auch auf der Hünenburg ein Tag der offenen Ausgrabung veranstaltet wurde. Da musste ich natürlich hin. Schließlich hatte ich letztes Jahr dort zum Ausgrabungsteam gehört und außerdem geht es ja um die gleiche Epoche, die gleiche Kultur, und eine zumindest sehr ähnliche Anlage. (Ich schreibe hier nicht "gleicher Siedlungstyp", weil ich beim bisherigen Forschungsstand noch eine etwas andere Funktion sehe.)

Nun, was gibt es Neues von der Hünenburg?
1. Zunächst einmal zeigen die jüngsten Ergebnisse weiterer geophysikalischer Prospektionen, dass der besiedelte Bereich unterhalb der Burg sich noch weiter nach Süden erstreckte, als bisher angenommen. Eine Grenze der Siedlung ist noch nicht erreicht. Die Hünenburg-Siedlung hat schon jetzt außergewöhnliche Dimensionen.
2. Im vergangenen Jahr war es uns kaum möglich, Pfostenlöcher (und damit Teile von Hausgrundrissen) zu erkennen. Die Bodenverhältnisse machen die Sache sehr schwierig. Ähnliche Erfahrungen sind auch bei anderen Ausgrabungen von


Siedlungen der gleichen Zeitstellung in unserer Region gemacht worden. In diesem Jahr nun experimentierte das Hünenburg-Team mit verschiedenen Methoden, um solche Pfostenlöcher vielleicht doch irgendwie besser sichtbar zu machen und hatte Erfolg. In einer der Flächen zeichnet sich eine Struktur von Pfostenpaaren ab, die verdächtig aussieht, und aus der man bei Erweiterung der Grabungsfläche vielleicht einen Hausgrundriss rekonstruieren kann.
3. Da der Fund bereits in einem Bericht in der Braunschweiger Zeitung erwähnt wurde, verrate ich hier kein Geheimnis: In diesem Jahr wurden eine Reihe von Funden gemacht, die die Verarbeitung von Bronze belegen, darunter das Fragment einer steinernen Sichelform (Foto links). Meine Begeisterung kennt keine Grenzen.
Nun ist es natürlich so, dass man wohl annehmen kann, dass in einer Siedlung der jüngeren Bronzezeit die Bewohner alle möglichen Gegenstände aus Bronze benutzt haben; Schmuck, Werkzeuge, Waffen. Nur: davon findet man bei Ausgrabungen IN der Siedlung üblicher Weise so gut wie nix.  Die ganze Grabungskampagne des letzten Jahres brachte eimerweise Keramik, große Mengen an Knochen - aber nur drei Bronzekrümel. Wir reden nicht von erkennbaren

Gegenständen! Die finden sich meist in Horten oder in den Gräberfeldern abseits der Siedlungen. Und in Watenstedt wurde ja einst (vor gut hundert Jahren) ein solcher Hort gefunden. Zu diesem Hort, dessen Interpretation immernoch zwischen "Händlerdepot" und "Opfer" unentschieden ist, gehören auch diverse Sicheln. Wäre doch ganz hervorragend, wenn sich feststellen ließe, dass eine dieser Sicheln zu der gefundenen Form passt!
In jedem Fall muss gesagt werden: Ein Sichelformenfund ist wohl bedeutsamer, als ein Sichelfund. Der Fund einer Sichel hat die Aussage: Die Leute hier haben Bronzesicheln benutzt. Na klasse. Davon gehen wir sowieso aus. Der Fund einer Form bedeutet: Die Leute hier haben Sicheln hergestellt! Damit ist hochspezialisiertes Handwerk belegt.

Und damit nähern wir uns, zusammen mit den immer größer werdenden Dimensionen unserer Siedlung, immer mehr an einen Siedlungstyp an, den man dann kaum noch anders als mit "Stadt" bezeichnen kann... Naja, mit dem Begriff muss man bekanntlich vorsichtig sein.

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