Kampagne 2006:

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XV

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Zwischenspiel

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Lothars kleines Grabungstagebuch III:

Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

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Am 8. Grabungstag, den 24.06.2006, musste ich malwieder aussetzen. Wenn eine Ausgrabung hauptsächlich mit freiwilligen Helfern durchgeführt wird, die berufsbedingt nicht an jedem Grabungstag anwesend sind, hat das zwei Nachteile. Einerseits kann man als Helfer die Entwicklung vor Ort nicht kontinuierlich verfolgen und hat gewissermaßen immer Angst, eine aufregende Entdeckung zu verpassen. Andererseits ergibt sich, wenn an der selben Stelle immer wieder andere Helfer arbeiten, das berüchtigte Problem der "verschiedenen Hände".

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9. Grabungstag, 25.06.2006:
(Diesmal ohne Fotos.)
Ganz vorsichtig nähern wir uns einem Stand, an dem wir konkretere Aussagen über den Aufbau der Befestigung machen können. Es könnte gut sein, dass wir mit einer Reihe von Pfostenlöchern die Front der  Befestigungslinie erfasst haben. Zehn Zentimeter tiefer sind wir natürlich noch schlauer, und da wollen wir nicht voreilig mit Interpretationen sein. Und bis zum Boden des Grabens kann es noch zwei Meter und mehr in die Tiefe gehen. Hoffentlich schaffen wir das in diesem Sommer.
In dem Bereich, in dem sich der Graben befunden haben dürfte, fand sich 50 cm unter der heutigen Oberfläche ein Pfennigstück von 1924. Damit ist klar, dass in der Zeit zwischen den Kriegen die Oberfläche hier deutlich tiefer lag, als auf der Hügelkuppe, wo wir uns schon in 30 cm Tiefe in den bronzezeitlichen Siedlungsbefunden bewegen. So ganz überraschend ist das nicht. Die Landvermesser Ende des 19. Jahrhunderts haben ja noch klar Wall und Graben erkennen können und darum hier eine "Schwedenschanze" in ihre Karten eingezeichnet. Die Frage bleibt nur, wieviel Material tatsächlich von der Hügelkuppe den Hang nach unten gepflügt wurde bzw. errodiert ist. Das gilt ja zumindest für die ganze ehemalige Wallmasse. Diese "Decke" würde natürlich tiefer am Hang liegende Befunde besser konserviert haben, nur erwarten wir hier ja kaum mehr zu "befinden" als den Graben selbst. Also haben wir uns weiter in die Tiefe zu graben. Und die Kleinfunde - hier und da sind immer wieder Scherben in der Grabenverfüllung - können sonstwann im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte in den Graben gelangt sein. In der Grabenverfüllung ist bisher keine Schichtung erkennbar.
Am Rand des Grabens fanden wir einen größeren Bereich, der mit stark zersetzten Knochenspuren durchsetzt war. Das Material war so bröselig, dass man es selbst mit dem Pinsel nicht freilegen konnte, ohne dass es zerfiel. Bestimmbare Knochen in Siedlungsbefunden sind natürlich eine tolle Sache. (Noch besser wäre soetwas wie ein menschliches Skelett unter den Resten  einer zerstörten Befestigungsanlage.) In diesem Fall werden die Knochen wegen der schlechten Erhaltung kaum noch bestimmbar sein. Sie befinden sich zudem meiner Meinung nach schon soweit im Grabenbereich, dass für sie das Gleiche wie für die Keramikfunde hier gilt. Gut erhaltene Knochen könnten Auskunft über Ernährungsgewohnheiten und Haustierhaltung geben. Im vergangenen Jahr, bei der Grabung in der Außensiedlung der Hünenburg, wo die Bedingungen für Knochenerhaltung hervorragend sind, fanden wir u.a. Knochen von Schwein, Rind, Pferd und Hund in den Siedlungsgruben, ganz zu schweigen von einer fast vollständig erhaltenen, mutmaßlich bandkeramischen Kinderbestattung in ein Meter achtzig Tiefe. Wir werden sehen, was Isingerode noch an Knochen für uns bereit hält. Knochenerhaltung ist vom direkten Umfeld im Boden abhängig, kann an einer Stelle miserabel, und zwei Meter weiter hervorragend sein, wenn dort zufällig ein paar Kalksteinbrocken im Boden stecken.

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10. Grabungstag: 27.06.2006 - leider ohne mich.

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11. Grabungstag, 02.07.2006:
Im unteren Abschnitt gehen die Arbeiten beständig voran, aber wie gesagt: Es kann noch dauern, bevor es hier richtig spannend wird. An diesem Tag habe ich zusammen mit Wolfram Klingbeil in dem Bereich gearbeitet, in dem vermutlich der Wall bzw. die Holz-Erde-Mauer gestanden haben dürfte. Es wird sehr vorsichtig gearbeitet, nur 5 cm abgetieft, denn wir dürfen keine Spuren der innere Wallstruktur übersehen - falls sie denn noch vorhanden sind. Bei unserer Arbeit fanden wir unerwartet viel und gute Keramik, darunter vier Stücke, die ich hier zeigen möchte.


← Diese Scherbe eines Gefäßes mit senkrechter Riefenverzierung auf der Schulter kommt uns wohl schon bekannt vor. Auf diesen Seiten habe ich ja schon mehrere ähnliche Stücke, die aber zu unterschiedlichen Gefäßen gehören, gezeigt.
→ Da haben wir eine Scherbe mit hart abgestrichenem Rand und feinen, parallel laufenden Rillen; könnte eine Kammstrich-Verzierung sein. Randscherben sind bisher noch rar. Besonders fehlen mir die Wellenrandscherben, die ich im vergangenen Jahr auf der Hünenburg so charakteristisch fand.



← Als ich diese kaum mehr als daumennagelgroße Scherbe fand, dachte ich zunächst: Ach, nur so ein Krümel. Aber dann erkannte ich das eingeritzte Muster.

→ Dieser Fund von Wolfram löste zunächst Verwirrung aus. Die auf dem Foto leider nicht gut erkennbaren Fingernageleindrücke sind eine Verzierung, die man vielleicht auf den ersten Blick eher in eine andere Epoche setzt. Bisher gehörten alle nach dem ersten Augenschein grob datierbaren Funde dieses Platzes



ausschließlich in die jüngere Bronze- bis vielleicht in die beginnende Eisenzeit, also in eine Epoche von etwa 1200 bis 800 vor Christus. Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich selbst könnte Scherben datieren. Dazu reicht meine geringe Erfahrung bei weitem nicht aus; ich muss noch viel lernen. Immerhin aber fand ich Wolframs Scherbe ungewöhnlich. Es kam mir vor, als hätte ich soetwas in anderem Zusammenhang schon einmal gesehen. Mein erster Tip lag aber wohl völlig daneben. Unser Grabungsleiter Wolf-Dieter Steinmetz, der die Keramik unserer Region so gut kennt wie nur wenige andere Fachleute, landen doch fast alle Funde des Braunschweiger Landes letztendlich in seinem Museum, mochte die Scherbe aber auch nicht recht in die jüngere Bronzezeit einordnen. Letztendlich ist das Datieren von Gefäßbruchstücken sowieso eine heikle Angelegenheit, solange man nicht wenigstens die Gesamtform des ehemaligen Gefäßes rekonstruieren kann, es sei denn, man findet etwas, das ganz charakteristisch nur für eine Epoche ist. Zufällig waren nun an diesem Tag zwei Ausgräber zu Besuch, die derzeit im Brandenburgischen arbeiten. Und die erklärten, in ihrer Gegend wäre soetwas typisch für die ältere Eisenzeit. Das nahmen wir zunächst einmal billigend zur Kenntnis. Man bedenke aber: Wir wähnten uns eigendlich mehr oder weniger am Boden des Walles. Es macht schon einen entscheidenden Unterschied, ob dieser zu Beginn der jüngeren Bronzezeit, in ihrer Mitte, oder erst am Übergang zur Eisenzeit errichtet wurde.

← Wolfram bei der Arbeit

Die Feldgrabung ist eine Sache, die Auswertung der Funde und Befunde eine andere, die sich noch über Monate (oder gar Jahre) nach dem Abschluß der Feldarbeit ziehen kann. Ein untypischer Fund kann nachträglich in die Schicht gelangt sein, z.B. durch einen Tiergang (zu gut deutsch: ein Mauseloch, und das ist kein Witz, sondern ein ernstes Problem!). Um Fehler auszuschließen, muß bei der Grabung, wie bei der Dokumentation sehr genau gearbeitet werden. Um einen untypischen Fund einzuordnen, wollen manchmal viele dicke Kataloge gewälzt, vielleicht sogar Spezialisten für benachbarte oder entferntere Regionen befragt werden, gilt doch die Bronzezeit als eine Epoche weitreichender Handelsbeziehungen.  

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