"Erdwerke"? - große Grabenstrukturen aus der Jungsteinzeit
Sonderausstellung im archäologischen Museum Wolfenbüttel

Am 11. Dezember eröffnet in Wolfenbüttel (Abteilung Ur- und Frühgechichte des Braunschweigischen Landesmuseums - Kanzleistraße) die Sonderausstellung “Monumente der Steinzeit (I) - Erdwerke im Braunschweiger Land”. Sie führt den Besucher in die tiefe Vergangenheit unserer Heimat, mit neuesten Forschungsergebnissen in eine Zeit vor fast sechstausend Jahren.


Die Menschen vergangener Epochen haben Spuren in unserer Landschaft hinterlassen. Manche dieser Spuren wirken vielleicht eher unscheinbar, andere sind dagegen so groß, dass man sie nur aus der Luft bei günstigen Bedingungen überblicken kann.
Gewaltige Grabenanlagen wurden in der Jungsteinzeit geschaffen, mehrere hundert Meter durchmessend, teilweise mit Doppel- und Dreifachgräben, manchmal metertief in den anstehenden Gesteinsboden geschlagen. An der Oberfläche sind diese Anlagen heute nicht zu erkennen, aber die Luftbildarchäologie macht sie sichtbar.
Solche “monumentalen Erdwerke” waren bisher in unserer Region kaum bekannt. Erst in den letzten Jahren haben die Archäologen Michael Geschwinde und Dirk Raetzel-Fabian systematisch danach gesucht - unterstützt von der Luftbildarchäologie. Es wurde mehr entdeckt, als erwartet: “Ein Land voller Gräben”. Archäologische Ausgrabungen folgten, um mehr über die merkwürdigen Grabenanlagen in Erfahrung zu bringen.

Ausschnitt aus dem Google-Satellitenbild (bearbeitet) : Erdwerk südlich von Heiningen

EWBSL: Erdwerke im Braunschweiger Land - der druckfrische Forschungsbericht. 

Eine Reihe der monumentalen Erdwerke weist eine sehr ähnliche Form und Größe auf, fast als wären sie nach “einem Baumuster” errichtet. Und die Funde aus den Probegrabungen sprechen dafür, dass sie in einer ganz bestimmten Epoche, von einer ganz bestimmten Kultur angelegt wurden:

Die sogenannte “Michelsberger Kultur” bestand grob von 4400 v.Chr. bis 3500 v.Chr.. Sie stammt aus Regionen südlich und westlich des Braunschweiger Landes und ist bis Ostfrankreich verbreitet. 
Aus ihrem Verbreitungsgebiet sind einzelne ähnliche “monumentale Erdwerke” bekannt und teilweise untersucht.  Dass bei heutigem Forschungsstand gerade im Braunschweiger Land diese Erdwerke in großer Zahl relativ dicht beieinander liegen, mag Ergebnis der systematischen Forschung in unserer Region sein.

Für mich ist allein schon die Tatsache, dass Menschen in jener Zeit vor grob 6000 Jahren zu so großen Gemeinschaftsleistungen in der Lage waren, bemerkenswert. Hier haben Hunderte gemeinsam an Projekten planvoll gearbeitet. Auszuschließen ist m.E., dass nur eine Handvoll Familien gemeinsam so große Anlagen realisierte.


Natürlich stellt sich die Frage: Wozu all die Mühe? Eine Interpretation als Verteidigungsanlagen bzw. als befestigte Siedlungen scheidet nach den inzwischen bekannten Befunden aus. Geschwinde und Raetzel-Fabian entwickeln ein faszinierendes Modell, welche Bedeutung die monumentalen Erdwerke für die Gesellschaft der Michelsberger Kultur gehabt haben könnten. 
(Mehr sei hier aber nicht verraten... )





Zum Erscheinen des umfangreichen Forschungsberichts hat Wolf-Dieter Steinmetz eine konzentrierte Sonderausstellung in Wolfenbüttel gestaltet.

Grafik: Braunschweigisches Landesmuseum

Die Ausstellung ist ab dem 11.12.2009 während der regulären Öffnungszeiten der
Abteilung Ur- und Frühgeschichte
des Braunschweigischen Landesmuseums
Wolfenbüttel - Kanzleistraße
zugänglich.





Mi - Do und So 10.00 - 17.00 Uhr
Di und Fr 10.00 - 13.00 Uhr


Meine persönliche Hoffnung ist, dass die archäologische Denkmalpflege und die Ur- und Frühgeschichtsforschung hier “am Ball bleiben”. Denn noch sind längst nicht alle der jungsteinzeitlichen Erdwerke archäologisch “angeschnitten”. (Eine vollständige Untersuchung auch nur einer der Anlagen wäre nicht zu realisieren. )
Und für das kommende Jahr 2010 erwartet uns auch eine Ausstellung “Monumente der Steinzeit (II)”, die einerseits den Blick auf die Erdwerke erweitert, andererseits die nachfolgende Epoche der Jungsteinzeit ins Visier nimmt. Deren “Monumente” sind wohl deutlich kleiner, aber zum Teil heute noch besser sichtbar und ebenso faszinierend: Die Großsteingräber. 

Zu den "Erdwerken" brennen mir noch eine Reihe (unqualifizierter) Bemekungen auf der Feder. Die Lektüre des EWBSL-Bandes war in hohem Maße anregend. Wie ist das Verhältnis zwischen Michelsberger und Baalberger Kultur in Bezug auf die Erdwerke in unserer Region? Wie groß ist der Arbeitsaufwand zur Errichtung solcher Anlagen einzuschätzen (ältere, vielleicht überholte Betrachtungen dazu in "Pipelinearchäologie" S. 25) und welche Implikationen hat das für die Struktur der sie errichtenden Gemeinschaften? Und natürlich: EWBSL ist die erste größere Publikation, die mehrfach randlich "unser" Forschungsprojekt in Isingerode erwähnt. Leider scheinen da einige Mißverständnisse vorzuliegen. Wenn ich die Zeit finde, werde ich zu diesen Fragen ein paar Zeilen schreiben...

  • Michael Geschwinde / Dirk Raetzel-Fabian: EWBSL - Eine Fallstudie zu den jungneolithischen Erdwerken am Nordrand der Mittelgebirge (Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen 14), Rahden/Westf. 2009.
  • Michael Geschwinde / Dirk Raetzel-Fabian: Ein Land voller Gräben - Die vorgeschichtlichen Erdwerke im Nordharz-Vorland in: Fansa/Both/Haßmann: ArchäologieLandNiedersachsen, Darmstadt 2004, S. 306-311.
  • Michael Geschwinde et al. : Pipelinearchäologie zwischen Harz und Heide (Wegweiser zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens 20), Oldenburg 1997.

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