Lothars kleines Grabungstagebuch 2009 - Folge 8
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

Zwischenspiel:
Tag der Ausgrabung an der Hünenburg / Heeseberg (unsere Schwestergrabung)
30.08.2009


Die westliche Schulter des Heeseberges ist überreich an vorgeschichtlichen Spuren. Hier finden wir Linienbandkeramik, die frühesten Ackerbauern in unserer Region, mit denen vor grob siebentausendfünfhundert Jahren unsere Jungsteinzeit beginnt. Aus den folgenden 3500 Jahren Jungsteinzeit haben verschiedenste Kulturen ihre Spuren hinterlassen. Die frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur, von der man im Zusammenhang mit der Pizza Nebra - äh - der "Himmelsscheibe von Nebra" sicherlich gehört hat, ist im Fundgut stark vertreten. Germanen der frühen und späten römischen Kaiserzeit haben hier gesiedelt. Und auch die Sachsen, Thüringer und Franken der Völkerwanderungszeit bzw. des frühen Mittelalters fanden den Platz attraktiv. Man konnte sogar "Neuzeitarchäologie" betreiben. 2005 wurden hier Teile eines britischen Bombers freigelegt, inklusive Bug-MG-Kanzel und sterblicher Überreste der Cockpitbesatzung. Das Flugzeug war inmitten einer spätbronzezeitlichen Siedlung abgestürzt. 
Schon vor mehr als hundert Jahren hatten Watenstedt und Beierstedt am Heeseberg einen Namen in der deutschen Vorgeschichtsforschung. Haupsächlich wegen der Funde der jüngeren Bronze- und frühen Eisenzeit, ca. 1200 bis 600 vor Christus.

Mit Blick auf diese Epoche begannen 1998 systematische Untersuchungen mit modernen Methoden unter der Leitung von Wolf-Dieter Steinmetz, dem Archäologen des Braunschweigischen Landesmuseums. 2005 war ich selbst mit dabei. Ab 2006 wurden die Ausgrabungen weitergeführt von Dr. Immo Heske, Universität Göttingen, der schon als Student hier mitarbeitete und in seiner Dissertation eine Auswertung aller Forschungen bis 2002 vorlegte. Mit jedem Jahr der Ausgrabungen, die seit 2006 im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführt werden, konnten neue, spannende Erkenntnisse zur jüngeren Bronze- und frühen Eisenzeit gewonnen werden. Und als - neu-deutsch - "spinn-off" gab es auch eine ganze Reihe Befunde aus anderen Epochen. 
Darunter waren eine klassische aunjetitzer Bestattung direkt neben einem jungbronzezeitlichen Werkstattbereich, eine jungsteinzeitliche Körperbestattung - mit Pfeilspitze in der Wirbelsäule (!) -  unter jungbronzezeitlichen Urnengräbern und jüngst in einem Schnitt westlich der Hünenburg Terra-Sigilata-Scherben, also Scherben qualitativ hochwertiger Importkeramik der römischen Kaiserzeit. 

Einen knappen Überblick über den aktuellen Stand der Forschungen an der Hünenburg gibt es als PDF im Internet: 
http://www.uni-goettingen.de/de/document/download/cfc0048b07353827360cfd7dabb4ebce.pdf/Flyer%201-2009.pdf

Besonders interessant sind hier die Funde zur Bronzeverarbeitung, die in einem Kurzaufsatz näher erläutert werden, ebenfalls als PDF abrufbar: Metallverarbeitung an der Hünenburg.pdf

(Sollte es mit diesen Links Schwierigkeiten geben, habe ich die beiden Texte vorsichtshalber "gemirrort" -1-   -2-.)

Faszinierend ist die Möglichkeit, dass gegossene Bronzebecken, die in anderen Gegenden Europas gefunden wurden, vielleicht an der Hünenburg hergestellt wurden. Um dies zu überprüfen, laufen Metallanalysen an Objekten, die dafür in Frage kommen, darunter ein Becken aus Frankreich.

Immo erläutert im Schnitt, wie es hier vor 3000 Jahren ausgesehen hat. Nach den bisherigen Prospektionsergebnissen erreichte die Siedlung vor der Hünenburg in ihrer Blütezeit eine Ausdehnung von mindestens 16 Hektar!
Mein Kommentar: Man schaue sich zeitgleiche Siedlungen des 10. und 9. Jahrhunderts in Griechenland an. Hier am Heeseberg haben wir es mit nahezu mediterranen Verhältbnissen zu tun...
Dort allerdings entsteht dann die Kultur der Polleis, der Stadtstaaten, und führt in die klassische Antike, während in unserer Region die Entwicklung abbricht. Ein wichtiger Aspekt für die Forschungen am Heeseberg und parallel in Isingerode wird weiterhin sein, nach Hinweisen auf die Gründe für diesen Kulturzusammenbruch zu suchen.

Ein nach dreitausend Jahren wieder zusammengesetztes Puzzle: Form und Schultergestaltung dieser Terrine gelten als typisch für die Saalemündungsgruppe, gewissermaßen den "Nordharzstamm" der jüngeren Bronzezeit.  Bei den Ausgrabungen in der Hünenburg Außensiedlung kamen inzwischen doch eine Reihe vollständig rekonstruierbarer Gefäße heraus.
Es wird sehr spannend sein, diese mit den Funden unserer Grabung in Isingerode zu vergleichen.






Hartwig (Archäologische Arbeitgemeinschaft Salzgitter), Harald (Festungsverein Wolfenbüttel und natürlich auch fleißiger FABL Helfer in Isingerode) und meine beiden Mädels am Rande des Schnittes in der Niederung. Hier waren die Spuren eines ehemaligen Bachlaufes erkennbar. Die Keramik aus diesem Schnitt soll neben einer bunten Mischung von jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Fragmenten vor allem in die spätrömische Kaiserzeit datieren. Darunter waren auch Funde der berüchtigten "Braunschweiger Drehscheibenware". Was ist das nun wieder? Im 4. und 5. Jahrhundert kommt es zum ersten Mal in unserer Region zur Produktion von Keramik auf der schnell rotierenden Töpferscheibe. 


Der "Tag der Ausgrabung" war gut besucht. Es gab mehrere Führungen, eine Ausstellung besonderer Funde im Zelt und einen Verkaufsstand mit Literatur und "Souvenirs". Zusätzlich führte der Archäologe Herr Lessig-Weller, der sich mit experimenteller Archäologie befasst, Waffen und Werkzeuge aus organischem Material vor, wie sie in der jüngeren Bronzezeit hergestellt und teilweise im Umfeld der Hünenburg gefunden wurden.

Experimentalarchäologe Lessig-Weller zeigt verschiedene Pfeile mit Spitzen aus Knochen, Flint und Geweih. Zwar gab es auch bronzene Pfeilspitzen (aus dem Braunschweiger Land ist mir ein einziger Fund bekannt), diese muss man meiner Einschätzung nach aber eher als Statussymbole auffassen, zumal ihre Eigenschaften nicht unbedingt besser waren.

Verschiedene Werkzeuge und Waffen  als originalgetreue Repliken, darunter Knochenspeerspitzen und die berüchtigten Geweihäxte mit Kreisaugenzier. Man mag es kaum glauben, aber Experimente haben erwiesen, dass man mit solchen Äxten durchaus Bäume fällen kann!

Jojo probiert mal aus, ob das Gerät gut in der Hand liegt.






Eine weitere mögliche Perspektive zukünftiger Forschungen an der Hünenburg, die Dr. Heske in einer Randbemerkung bei seiner Führung erwog, muss ich hier noch erwähnen. Sie betrifft die Mittlere Bronzezeit, auch Hügelgräberbronzezeit genannt.

Der Besuch auf der Hünenburg hat sich - wie immer! - gelohnt.


In Isingerode geht es am Samstag, den 12. September weiter.

Am 06.09. habe ich schonmal angefangen, den Rest der Pflugschicht abzutragen. Wir wollen mal sehen, was der Boden hier für uns bereit hält.
Eins ist mir auf der Hünenburg allerdings beim Blick in die Schnitte wieder klargeworden: Das Graben ist in Isingerode ist von den Bodenverhältnissen her deutlich "härter"...

→ Weiter zur nächsten Folge: Erste Arbeiten im neuen Schnitt

← Kampagne 2006

← Kampagne 2007

← Kampagne 2008

***

↑ Ausstellung

↑ Chronologie

2009:

Folge 1

Folge 2

Folge 3

Folge 4

Folge 5

Folge 6

Folge 7

Folge 8

Folge 9

Folge 10

Folge 11

Folge 12

Folge13

→ Kampagne 2010

HOME

Rechtliches

Technisches

Vorgeschichte

Ausflüge

Kontakt