Lothars kleines Grabungstagebuch 2009 - Folge 6
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

Bis zum  "Tag der offenen Ausgrabung" am 09. August 2009
und  Perspektiven für die Fortsetzung des Projektes


Ende der Bewuchsmerkmale: Es ist geerntet. Signal für einen wichtigen Einschnitt bei unserem Projekt.

Wir können vermelden: Die Ausgrabungsarbeiten in unserem Schnitt durch die Befestigungsanlagen des vorgeschichtlichen Burgwalles bei Isingerode sind abgeschlossen. In grob geschätzten Zahlen:
Dreieinhalb Jahre dauerten die Arbeiten - etwa zehntausend Stunden ehrenamtlicher Arbeit wurden geleistet. Es wurden um die 500 Kubikmeter Erde detailiert untersucht, auf einer Fläche von etwa 180 Quadratmetern. Mehr als zehntausend Kleinfunde wurden geborgen, mehr als hundert Meter Profilwände dokumentiert - teilweise bis zu einer Tiefe von vier Metern unter der heutigen Oberfläche. Dazu unzählige Plana und Einzelbefunde.
Als Ergebnis können wir nun die Entwicklung der Befestigung von der jüngeren Bronzezeit ab etwa 1200 v. Chr. bis in das erste Jahrhundert nach Christus in mehreren Phasen und mit Siedlungsunterbrechungen in den wesentlichen Zügen beschreiben - zusätzlich auch einigen Details. Funde und Befunddokumentation liefern Material  für weitergehende Auswertungen.
Das Erkenntnispotential dieses hochkarätigen Fundplatzes ist damit aber noch lange nicht ausgeschöpft.

Die letzen drei Wochenenden galten den Restarbeiten und der Vorbereitung eines "Tags der offenen Ausgrabung", für den sich das Grabungsgelände erneut in ein Museum unter freiem Himmel verwandelte.

→ Restarbeiten
→ Impressionen vom "Tag der offenen Ausgrabung"
→ Hoffnungen und Erwartungen für der nächsten Untersuchungsabschnitt

Wer hart arbeitet, muss sich auch mal stärken, ob mit Bratwurst, Ingrids selbstgemachten Salaten oder auch einem (meist nicht ganz kühlen) Bier. Hier (26.07.) zum Beispiel sitzen Ingrid, Uwe, Harald, Bärbel, Wolf-Dieter, Axel (Unterstützung von der Archäologischen Arbeitsgmeinschaft Salzgitter), Michael und Gisela zusammen. Achim war gerade schon aufgebrochen und ich bin natürlich nicht im Bild, weil hinter der Kamera. Zehn Streiter für die Archäologie - mal sind wir mehr, mal weniger. Aber mit so einer Truppe schafft man schon was.

Ein "historischer Augenblick": Michael ist mit "seinem" Graben endgültig fertig. Zweieinhalb Jahre lang hat er viele Wochenenden in diesem Loch - äh - Schnitt gesessen, mal mit Unterstützung, oft aber auch allein.  Bei zunehmender Tiefe war er zunehmend abgeschnitten vom Rest der Grabungsmannschaft. "Hol mal jemand Michael zum Mittag." "Ach, Michael ist auch da?" Klar war er da. Fast jeden Grabungstag. Nur eben oft außer Sichtweite...  Dafür saß er an dem Platz mit der absolut höchsten Funddichte, tausende von Scherben und hunderte von Knochen: Siedlungsmüll der frühen Eisenzeit.


Gewissermaßen ein Leitmotiv der letzten Wochenenden war das "Pfostenloch".  Für den Wallkern, den wir in der Schnitterweiterung nach Westen untersucht haben, muss ich meine Bemerkungen aus der vorletzten Folge berichtigen.  Sie war zumindest mißverständlich. In den drei gut erkennbaren Pfostenreihen ist nicht der Abstand zwischen den Pfosten einer Reihe fünfzig Zentimeter.  Das ist vielmehr der Abstand zwischen den Mittelpunkten der Pfosten. (Es gibt noch eine vierte, von der wir aber nur ein kleines Stück mit unserem Schnitt erwischt haben.) Auf dem Foto unten ist eine Merkwürdigkeit festgehalten. Nur dieses eine Pfostenloch in der Reihe war mit schwarzen Holzkohleresten gefüllt, während die anderen kaum Holzkohle enthielten, statt dessen braunes, krümeliges Material.   


An der Innenseite des Walles kamen die Pfostenlöcher erst nach und nach zum Vorschein. Sie stehen hier nicht so dicht, und in diesem Bereich hatten wir aus bestimmten Gründen mit unterschiedlichen Abträgen und Zwischenprofilen gearbeitet. Nachdem unser Grabungsleiter die Pfostenlöcher mit Fluchtstangen markiert hatte, ergab sich aber auch ohne Blick in die Dolumentation eine schöne, recht regelmäßige Reihe mit Abständen von geschätzt knapp zwei Metern. Nur an einer Stelle war keine Spur eines Pfostens mehr erkennbar, so dass eine scheinbare Lücke blieb. Ich glaube aber zu erinnern, dass wir an dieser Stelle auch alle Anzeichen für einen Pfosten hatten. Da muss man dann doch nochmal in die älteren Unterlagen sehen. 

Am Sonntag den 09. August wurde unsere  Arbeit der Öffentlichkeit präsentiert. Allein an der Führung nahmen etwa 100 Besucher teil.










Impressionen vom Tag der offenen Ausgrabung:


Gern gesehene Gesichter:
Unter den Besuchern waren diese drei Herren, die ich hier einmal vorstellen möchte. Ich weiß: Auch andere hätten eine besondere Erwähnung verdient.

Eberhard Lüttgau: Die Nachfrage des ehemaligen Bürgermeisters und Ortsheimatpflegers von Isingerode zur "Schwedenschanze" für die Ortschronik gab mit den Anstoß für unser Projekt. Er unterstützt uns in vielfältiger Weise. Aber, das sei gesagt, bei seinen regelmäßigen Besuchen auf der Ausgrabung lernten wir ihn auch als erlebnisreichen Zeitzeugen der jüngeren Geschichte kennen.






Berd-Uwe Meyer - BUM: Der rasende Reporter des nördlichen Harzvorlandes begleitet unsere Projekte seit vielen Jahren und sorgt dafür, dass über die Presse eine breitere Öffentlichkeit von unseren Aktivitäten erfährt. In früheren Jahren hatte er sich selbst aktiv mit Archäologie beschäftigt.  
Besonders positiv, dass er seine Berichte auch in der Regionalpresse in Sachsen-Anhalt platziert. Denn: Die für Archäologen sehr junge Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt soll uns "Harzmenschen" nicht trennen.  Vor 3000 Jahren gehörten die Isingeroder zur gleichen Kulturgruppe wie die Halberstädter und Quedlinburger, wohl sogar die Magdeburger.  

Wolfram Klingbeil, Mann der ersten Stunde unseres Projektes in Isingerode. Nachdem er 2006 wahrscheinlich der eifrigste in unserem Team war, musste er aus gesundheitlichen Gründen ab 2007  deutlich kürzer treten.
Er ist außerdem Ideengeber für eines unserer zukünftigen Projekte auf der Suche nach weiteren befestigten Siedlungen der jüngeren Bronzezeit in der weiteren Region.







Hoffnungen und Erwartungen für den nächsten Untersuchungsabschnitt:

Ab Mitte September wird ein neuer Schnitt geöffnet.
Wir werden nun Teile des Innenraums der Befestigung untersuchen. Der genaue Termin für die Fortsetzung unserer Arbeiten steht noch nicht fest. In jedem Fall wird auf diesen Seiten zu lesen sein, wenn es wieder losgeht.
Im folgenden Text geht es um die Formulierung von Erwartungshaltungen oder Hoffnungen für den kommenden Abschnitt der Ausgrabung. Selbstverständlich lassen wir uns gerne überraschen, falls wir nachher ganz andere Befunde vorfinden, als erwartet. Wie schon mehrfach in dem großen Abenteuer, das unser Projekt darstellt, werden wir uns nicht scheuen, umzudenken.
(Wie immer: Es handelt sich um meine private Auffassung, nicht um eine offizielle Planung.)
Übliche Fragen bei der Untersuchung des Innenraums einer Befestigung sind:
War der Innenraum dauerhaft bewohnt? Wie dicht war er bebaut? Gibt es Hinweise auf eine “besondere” Nutzung des Innenraumes? Für welche Phasen der Befestigung lassen sich solche Aussagen treffen?

Wir wollen hier nach unseren bisherigen Ergebnissen vier Phasen unterscheiden:

1. “Isi Frühphase”: Nutzung irgendwann zwischen 1200 v.Chr. und dem Einsetzen der “horizontal gerieften Keramik”, die uns hier ja fehlt. Jüngere Bronzezeit.
Aus Isi früh können sich nur tief in den Boden eingreifende Strukturen erhalten haben. Soweit wir bisher in die Innenfläche vorgedrungen sind, “rasiert” die jüngste Brandschicht (B1) alle älteren Schichten bis auf den gewachsenen Boden. Aber auch aus dieser Epoche können Pfostenlöcher und Gruben erhalten sein.
Fragen: Wann kamen die Leute auf die Idee, diesen Platz zu besiedeln? Ansonsten sind hier die gleichen Fragen wie für Isi Hauptphase zu stellen (siehe unten). Mit einer geringeren Hoffnung auf Antworten.

2. “Isi Hauptphase”: Späte Bronzezeit, Endbronzezeit oder auch “Übergangshorizont”. Brandhorizonte (3?) 2 und 1 (mit vorhergehenden Bauphasen), später auch äußerer Graben.
Für die Hauptphase dürfen wir mit verschiedenen Strukturen rechnen, besonders mit solchen, die mit der Bauphase vor der jüngsten Brandkatastrophe B1 in Zusammenhang stehen. Der Auftrag oberhalb der Brandschicht B1 ist auf der Innenfläche - soweit wir bisher vorgedrungen sind - über einen Meter mächtig. Darunter sollten sich eine ganze Reihe von negativen Strukturen wie Abfallgruben, Pfostenlöcher (vielleicht sogar ein Brunnen?) erhalten haben. Möglicher Weise haben sich IN der Schuttschicht sogar Spuren von aufgehenden Strukturen erhalten. Teilweise werden diese so tief liegen, dass sie im Magnetbild nicht erkennbar sind.
Fragen: Waren hier dicht an dicht Häuser gebaut? Gibt es Hinweise darauf, dass hier nicht nur Bauern, sondern auch Händler, Handwerker, Herrscher gelebt haben? Wie sahen die Bauten aus? Was haben die Menschen getrieben?
Und eine spezielle Lieblingsfrage von mir persönlich: Gibt es Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen?

3. “Isi Spätphase”: Verfüllung des äußeren Grabens in der frühen Eisenzeit. Unter dieser Phase verstehe ich also nicht die jüngste Befestigung, als die wir den äußeren Graben ansehen, sondern die Zeit, in der dieser Graben nicht mehr genutzt wurde - außer als Abfallgrube.
Isi spät wird als eigene Phase an dieser Stelle quasi erstmal von mir vorgeschlagen. Grundlage dafür ist die Überlegung, dass ein Teil der Keramik aus den Verfüllschichten des äußeren Grabens jünger erscheint als alles, was wir im Wallbereich und im inneren Graben gefunden haben. (Abgesehen von der Nachnutzung.) Entsprechend haben wir also eine Siedlung, die eine große Menge Abfall produzierte, aber für die wir keine Befestigung nachweisen können. Den äußeren Graben können wir hier nicht mehr als Befestigung rechnen - denn das ist ja nicht mehr seine Funktion. Auch wenn Isi spät zeitlich direkt an die letzte Befestigung anschließt, wenn noch die gleiche Generation, die den äußeren Graben baute, ihn später wieder zugekippt haben sollte (was ich nicht glaube...), erscheint mir eine gesonderte Betrachtung der Zeit danach angebracht. Fraglich ist, ob und in welcher Weise die Hochfläche in dieser Spätphase genutzt wurde.
Fragen: War die Hochfläche (ehemalige Burg) besiedelt oder hat sich die Siedlung möglicher Weise an den Hang und in die Senke verlagert?

4. “Isi Nachnutzung”: Späte vorrömische Eisenzeit, Großromstedter Horizont.
Mit der Epoche der Nachnutzung ist bisher lediglich die Verfüllung einer Ausbauphase des großen Grabens verbunden. Zusätzlich gibt es eine Reihe von älteren Lesefunden, die allgemein von der “Schwedenschanze” oder aus deren Umfeld stammen sollen, und die in diese Epoche datieren. Die Erweiterung des Wallschnittes nach Westen erbrachte keine Funde, die dieser Epoche zugeordnet werden können (obwohl wir dies hofften). Für die Innenfläche nun erhoffen wir Grubenbefunde aus dieser Zeit. Mit viel Glück könnten sogar Grubenhäuser nachzuweisen sein, wie sie z.T. in der späten Eisenzeit angelegt wurden, auch wenn das vorliegende Magnetbild hierfür keine Hinweise gibt. Befunde der Nachnutzung könnten alle in die mächtige Schuttschicht über dem Brandhorizont B1 eingetieft sein, und sollten sich durch eine eher dunkle, humosige Verfüllung klar von dem hellen Brandschutt über B1 abheben.
Fragen: Haben die alten Germanen hier gelebt, gelagert, oder was haben sie sonst hier getrieben?

Fragwürdig ist der Verlauf der Siedlung- bzw. Schuttschicht. Gut möglich, dass diese in der Mitte der Anlage bis auf den gewachsenen Boden (oder tiefer) abgepflügt ist. Das allerdings würde bedeuten, dass man in der Hauptnutzungsphase nicht auf geebneter Hochfläche, sondern immernoch auf recht steil abfallendem Boden gebaut hätte. An dem derzeit untersuchten Bereich fällt die Brandschicht zur Innenfläche hin sogar weiter ab. Sie müsste also sehr bald sehr steil ansteigen, wenn das der Fall ist. Wir werden sehen.

Fragen kostet nichts. So sagt man. Man darf nicht enttäuscht sein, keine Antworten zu erhalten. Und für die Ausgräberei gilt: Man erhält oft Antworten auf Fragen, die man vorher garnicht gestellt hat. Und man erhält nie alle Antworten, die man sich wünscht.  

Aha! Inzwischen sind wir sogar im Rahmen einer "Naturerlebnisroute" ausgeschildert. Das Schild steht an dem Weg, der beim Friedhof von Isingerode auf die Hochfläche und dann weiter Richtung Hornburg führt. Um zu unserer Ausgrabung zu gelangen, muss man den nächsten Weg rechts nehmen, der nach einem kurzen Haken Richtung Süden führt. Allerdings ist dort in den kommenden drei, vier Wochen zunächsteinmal garnichts mehr zu sehen. Vielleicht hat ja irgendwann, wenn unser Projekt abgeschlossen ist,  jemand in der Geimeinde die Idee, nahe der Rastbank eine Schautafel mit Informationen zur "Isiburg" fest zu installieren. Die Inhalte stellen wir sicher gerne zur Verfügung.  

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