Lothars kleines Grabungstagebuch 2009 - Folge 4
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
Wieder im Schnitt: 27.06.2009 bis 19.07.2009

Seit Monaten keine Nachricht zu Isingerode auf dieser Seite. Ja - gibt es das Ausgrabungsprojekt denn überhaupt noch? Es gibt uns noch, kein Zweifel. Nach einer sechswöchigen Pause haben wir am letzten Juniwochenende die Arbeiten wieder aufgenommen. Das bedeutet: Wir sind schon seit vier ganzen Wochenenden wieder dabei. Und die Arbeit war durchaus ergebnisreich! Immer wieder hatte ich angefangen, an dieser Webseite weiterzustricken, aber immer wieder kam mir etwas dazwischen. Nun will ich mal sortieren, was es so zu berichten gibt.

Bewuchsmerkmale 28.06.2009: Gräben und "Tor" im äußeren Graben

05.07.2009

12.07.2009

19.07.2009

Vorweg: Wir sind immernoch bei Restarbeiten im alten Schnitt. Der "große Graben" ist inzwischen abgehakt, aber den äußeren Graben hatten wir ja noch etwas erweitert, und im Wallbereich und an der Wallinnenseite sind noch Profilstege abzubauen, wobei nochmals die Stratigrafie überprüft wird - und zum Teil auch Funde gemacht werden, die die Datierung absichern.
Ansonsten warten wir auf die Ernte. Erst nach der Ernte wird der alte Schnitt zugeschoben und neue Fläche geöffnet.
Also: Was gab's?
Es gab
→ eine schöne Entwicklung der Bewuchsmerkmale
→ Funde
→ Pfostenlöcher
→ Stratigrafie an der Wallinnenseite (Brandschicht 1 bis 4).

Und natürlich gab es viel Geselligkeit und Diskussionen - und Wetter von sengender Hitze bis Regenschauer.

Bewuchsmerkmale:
Schon beim Besuch des Archäologievereins aus Lübeck zeichneten sich im angrenzenden Getreidefeld sehr gut die beiden Gräben, das mutmaßliche Tor im äußeren Graben und diverse "Flecken" jenseits der Befestigung, hinter denen wir Grubenbefunde der Außensiedlung vermuten, ab. Ich habe versucht, dass "Tor" im äußeren Graben an jedem Wochenende etwa aus dem gleichen Winkel zu fotografieren, so dass man einmal die Entwicklung der Bewuchsmerkmale zeigen kann (siehe oben).

Grabungsleiter Wolf-Dieter Steinmetz hatte auch nochmal die Gelegenheit, das Ganze aus der Luft zu fotografieren (Bild links / Foto: Wolf-Dieter Steinmetz). Dabei ging es diesmal auch darum, Strukturen im weiteren Umfeld der Befestigung zu erkennen. Stichwort: Der gesuchte Friedhof zur Siedlung. Dazu gab es allerdings keine allzu deutlichen Hinweise. Sagen wir mal so: Die Auswertung der Luftbilder läuft noch. Ich selbst habe den Großteil noch nicht gesehen.

Funde:
Unter den vielen vielen Keramikfunden befanden sich auch wieder ein paar verzierte Stücke. Bemerkenswert war ein Fund von Bärbel in dem Lehmsockel, den wir der ältesten Bauphase des Walles zurechnen. Die Randscherbe trägt am Halsansatz eine Gruppe von kleinen pyramidenförmigen Aufsätzen (Foto unten Mitte).
Nachdem wir in der berüchtigten Brandschicht 2 bereits größere Teile eines plattgedrückten Gefäßes mit senkrechten Riefen auf der Schulter geborgen hatten (siehe → Folge 01-2009, "Erste Funde"), wurde nun der dazugehörige Rest aus der inzwischen dokumentierten Profilwand geholt. Für B2 liegen damit mittlerweile sechs vollständige bzw. vollständig rekonstruierbare Gefäße vor, die sich auf eine Gesamtfläche von geschätzt nur etwa sechs Quadratmeter verteilen.
Ich bin gespannt, ob es gelingt, das Gefäß wieder zusammenzusetzen. Das wird hier nicht eine Frage der Teile sein, sondern eine Frage des Klebers. Meiner Einschätzung nach haben wir hier mindestens zwei Drittel des Gefäßes in Einzelteilen vorliegen. Aber schmerzliche Erfahrung des vergangenen Sommers war, dass der normaler Weise von uns verwandte Kleber die schweren Teile größerer Gefäße nicht hält. Die eigendlich wissenschaftlich interessante Rekonstruktion des Gefäßprofils wird in jedem Fall gelingen.

Der Fund des Tages vom 28.06.machte Bärbel, einen Tag nach ihrem Geburtstag. Es handelt sich um einen mutmaßlichen Tierzahn (die Bestimmung wird noch durchgeführt), dessen eines Ende von beiden Seiten angebohrt ist (Foto unten links). Sicher hatte das ein Schmuckanhänger werden sollen. Aus unbekannten Gründen ist die Bohrung nicht zu Ende gebracht worden, und das Stück landete im Siedlungsmüll der Verfüllung des äußeren Grabens.
Am Sonntag den 12.07. wurden zwei Pfeilspitzen aus Feuerstein gefunden. Die eine Spitze stammt aus der Wallmasse, die andere aus der Verfüllung des äußeren Grabens. Erkennbar handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Typen.

Anhänger

Reinhards Pfeilspitze: Wall

Michaels Pfeilspitze: Äußerer Graben

Pfostenlöcher:
Seit dem letzten Herbst, besonders aber in diesem Jahr konnten im Wallbereich mehr und mehr Pfostenlöcher dokumentiert werden. Es wird eine mühselige, aber sicher auch erkenntnisreiche Aufgabe sein, anhand der zeichnerischen und fotografischen Grabungsdokumentation aufzudröseln, welche Pfosten in welche Bauphase gehören. Aus gleichzeitigen Pfosten wären dann wohl Strukturen abzuleiten, die Rückschlüsse auf die Befestigungsarchitektur erlauben. Interessant ist die Art der Spuren, die die Pfosten in der groben Kiesschüttung der älteren Wallbauphase hinterlassen haben (Foto unten links). Sie wurden zunächst regelmäßig für Tiergänge gehalten. Die Pfostenlöcher zeichnen sich zunächst als runde, ca. 25 cm durchmessende Befunde mit einer bräunlich krümeligen Füllung im gelben Kies ab. Drei Linien dieser Pfostenlöcher konnten besonders gut in der Westerweiterung des Schnittes erkannt werden. Die Abstände zwischen den einzelnen Pfosten betragen etwa 50cm. Die entsprechend der Lage des Schnittes längste Linie umfasst immerhin acht solcher Pfosten in einigermaßen regelmäßigem Abstand. Da die drei Linien parallel zueinander verlaufen, ist es wahrscheinlich, dass sie zu ein und derselben Struktur gehören. Eine gewisse Unsicherheit ergibt sich dadurch, dass die Linien in unterschiedlicher Tiefe erkennbar werden. Das liegt meiner Auffassung nach aber daran, dass bei einer jüngeren Bauphase die älteren Schichten nicht horizontal, sondern mit einem deutlichen Gefälle gekappt wurden. Auch hier wird ein Blick in die Profildokumentation weiterhelfen, die mir nicht vollständig vorliegt.  Naja - lassen wir die Details. Ich könnte hier noch einen zweiseitigen Text zu weitergehenden Überlegungen bezüglich einzelner Pfosten und Stratigrafie einfügen, aber der ist wohl eher nix für’s Internet...

Beispiele für verschiedene Pfostenlöcher:
Kiesschüttung Wall (West)


Westprofil


Profilsteg Abschnitt Nord / Wallinnenseite

Stratigrafie:

Profil West / Wallinnenseite

Zur Verdeutlichung mit darübergelegter, schematischer Grafik

Nur grob gezeigt: Das Westprofil von der inneren Wallseite. Hier ließen sich mit einem Foto mal alle vier Brandschichten erfassen, die für uns das Grundgerüst der Stratigrafie bilden. (Für's Internet auf nur 708pixel Breite geschrumpft, gehen natürlich viele Details verloren. Und natürlich ist das Bild durch Fotografie mit Weitwinkelobjektiv auch etwas verzerrt.)
0. Gewachsener Boden.
1. Lehmsockel. Älteste Wallbauphase.
2. Dünne, aber flächendeckende Brandschicht B4. Ältester Zerstörungshorizont.
3. Brandschicht B3. Zum Wallkern hin besser erkennbar liegt darunter ein Pflaster aus ca. faustgroßen Steinen. Diese Schicht wird bei 52N durch die jüngere Brandschicht B2 gekappt.
4. Pfostenloch. Hier endet B3. Bei der Zuordnung des Pfostens zur Bauphase 3 oder 2 bin ich mir unsicher. Eher zu B2.
5. Pfostenloch im Planum.
6. Steinpflaster Bauphase 2.
7. Brandschicht B2.
8. “Plattgedrücktes” Gefäß.
9. Brandschicht B1. Jüngster Zerstörungshorizont. Zur Innenfläche hin liegt unter B1 ein Steinpflaster.
A. Undifferenzierbares Material, ein Gemenge aus Asche, Lehm, einzelnen Steinen, an einigen Stellen Holzkohle. Wenig Keramikbruch. Auf der Hochfläche, also im Inneren der Befestigung, erreicht diese Schicht, soweit wir bisher in den Innenbereich vorgedrungen sind, eine Mächtigkeit von fast einem Meter. 
B. Pflugschicht.

***

Ich hoffe, das alles war für die Leser dieser Seite nicht zu trocken. Für mich selbst ist es höchst aufregend! Denn hinter den nüchternen Beschreibungen steckt eine Geschichte mehrfacher Zerstörung und hartnäckigen Wiederaufbaus. Das, was wir hier dokumentieren, ist die Anstrengung und das wohlorganisierte und entschlossene Handeln einer größeren Gemeinschaft am Ende der Bronzezeit. Und wenn man - eine legitime, aber bisher nicht belegbare Hypothese - die mehrfache Zerstörung der mächtigen Befestigung  als Ergebnis kriegerischer Auseinandersetzungen auffasst, dann wird die große Bedeutung dieses Platzes in jener Zeit erahnbar. Die spätbronzezeitlichen Isingeroder wollten sich nicht unterkriegen lassen, und sie wollten diesen Platz nicht aufgeben. Gleich, ob letztendlich Kämpfe, Unfälle oder die Natur (Blitzschlag) verantwortlich für die Brandkatastrophen waren.
Und mir erscheinen die bisherigen Ausgrabungsergebnisse geeignet, anzunehmen, dass die Befestigung in einer krisengeschüttelten Zeit nach jeder Zerstörung immer wieder noch stärker, wehrhafter aufgebaut wurden, bis in der frühen Eisenzeit Ruhe einkehrte, und vielleicht nach einer späten Blüte ein schleichender Niedergang einsetzte.

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