Lothars kleines Grabungstagebuch 2009
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
DAS VIERTE JAHR HAT BEGONNEN!


Seit 2006 untersuchen die "Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land e.V." (→ FABL) unter Leitung von Wolf-Dieter Steinmetz (Archäologe des Landesmuseums) Spuren einer vorgeschichtlichen Befestigung am Rande der Okerniederung bei Isingerode.  "Lothars kleines Grabungstagebuch" berichtet in lockerer Folge über den Fortgang des Projektes. Die Berichte sind nicht streng wissenschaftlich, sondern berücksichtigen  auch "unser Vereinsleben auf der Grabung".

Mein Grabungstagebuch bricht im vergangenen Jahr ziemlich unvermittelt ab. In fliegendem Wechsel verlegten wir unsere Aktivitäten vom Acker ins Museum Wolfenbüttel, um dort den Aufbau der Ausstellung "Kein dunkles Zeitalter! - Neue Ausgrabungen und Forschungen zur jüngeren Bronzezeit in Niedersachsen - 1200 - 700 v. Chr." zu unterstützen. In der Ausstellung werden unter anderem die bisherigen Ergebnisse unserer Ausgrabung in Isingerode vorgestellt, aber auch viele weitere spannende Fundplätze der gleichen Epoche. Die Ausstellung ist noch bis Anfang Mai zu sehen. Weiteres dazu findet sich auf der Webseite www.kein-dunkles-zeitalter.de .

Über unsere vergangenen Aktivitäten kann man sich in den älteren Folgen auf dieser Webseite informieren (siehe unten) oder über das in der Reihe Informationen und Berichte des Braunschweigischen Landesmuseums erschienene Heft Die Ausgrabungen am Burgwall Isingerode 2006-2008. Das Heft ist kostengünstig in den Häusern des Landesmuseums in Wolfenbüttel und Braunschweig erhältlich.
Nun aber zum Auftakt der neuen Kampagne, die traditionell am Osterwochenende begann!

Unser bewährtes Team:
Am Freitag bemerkte Martina: "Es ist, als wären wir garnicht weggewesen. Alle Freunde sind wieder da und sitzen an ihren angestammten Plätzen."
Angetreten waren Achim und Achim, Angelika, Bärbel, Gabi, Gisela, Ina, Ingrid, Martina, Michael, Uwe, Chef Wolf-Dieter und ich, dazu Dr. Thomas Dahms ("Ostfalen-Netzwerk"), der  uns schon letztes Jahr ab und zu besuchte. Seine Tochter Julia freundete sich mit meiner Tochter "Jojo" an. An den weiteren Tagen des Osterwochenendes war das Team dann deutlich dünner besetzt. Aber da hat jeder natürlich die eine oder andere Familienverpflichtung. Am Sonntag freute es mich auch malwieder die Steinmetzbrüder Thorben und Holger zu sehen.

Unerledigte Aufgaben:
Bis Mitte Mai versuchen wir, die Arbeiten in den aktuellen Flächen abzuschließen. An der Wallinnenseite kann es aber auch noch etwas länger dauern. Zusätzlich erfolgt eine erneute Aufnahme des großen Westprofils. Wir haben den bis zu 4m50 tiefen Schnitt noch nicht zugeschüttet. Die Dokumentation des Profils ist zu wichtig. Die drei Jahre Arbeit im großen Graben sollen mit einem guten Ergebnis abgeschlossen werden. 
Ab Mitte Mai legen wir eine sechswöchige Grabungspause ein.

Neue Flächen:
Ab Juli werden wir den alten Schnitt bis auf den nördlichen Abschnitt zuschieben und neue Flächen öffnen, sobald geerntet ist. Wir wollen uns als nächstes der Innenfläche der Befestigungsanlage widmen. Unsere Hoffnung ist, dass sich hier Strukturen der Bebauung erhalten haben, und dass wir mehr über die Funktion des befestigten Bereichs erfahren. Vielleicht werden wir später im Jahr auch noch den einen oder anderen Probeschnitt in der Außensiedlung angehen. Den von Dr. Thomas Schenk angefertigten Magnetbildern nach ist ja bis mehr als 100m vor der Befestigungslinie mit Siedlungsbefunden zu rechnen.

Ungelöste Rätsel:
Immernoch kennen wir die Lage des Friedhofs (bzw. der Friedhöfe) zur Siedlung nicht. Unsere ursprüngliche Annahme, der Friedhof befinde sich auf dem südlichen Gegenhang, hat sich nicht bestätigt. Möglicher Weise müssen wir in viel weiterem Umkreis suchen. Aber das ist vorerst aufgeschoben.

Erste Funde:
Den "Fund des Wochenendes" machte Uwe bereits am Freitag. Er konnte größere Teile eines plattgedrückten Gefäßes freilegen (Foto rechts). Weitere Teile desselben Gefäßes befinden sich noch in der Profilwand. Das Gefäß dürfte sich annähernd vollständig rekonstruieren lassen. Wo treten solche Funde auf? Im Versturz des Walles an der Innenseite, unter bzw. in der Brandschicht "B 2". 

Ein hervorragend datierbarer Inschriftenfund: 

Ein "besonderer Fund" gelang mir am Sonntag. Als wir im vergangenen Herbst die Arbeiten abbrachen, war die Aufnahme des großen Westprofils noch nicht abgeschlossen. Wir hatten eigendlich vor, diese "irgendwann zwischendurch" zu Ende zu bringen. Andere Aufgaben und ungünstige Wetterverhältnisse hielten uns immer wieder davon ab. Sofort bei Beginn der diesjährigen Kampagne schwang ich mich dann aber wieder in das tiefe Loch, um das Profil überzuputzen und den Grund des Grabens freizuräumen. Über den Winter hatte sich hier doch wieder einiges von den Profilwänden abgebröckeltes Material angesammelt. Dabei stieß ich auf das oben abgebildete "Objekt": Unsere bereits vermisste Fototafel. Am letzten Grabungstag wurde es bereits dunkel, als wir das Gerät zusammenräumten, und dabei müssen wir die Tafel wohl übersehen haben. Sie trägt das Datum des vorletzten Grabungstages 2008 und steht vermutlich genau dort, wo wir mit der Profilaufnahme weitermachen wollten - bevor der Schnee fiel...


Endlich erwischt:
Zu den regelmäßigen Besuchern in der Nähe unseres Mittagspausenplatzes zählten in den vergangenen Jahren Eichhörnchen. Die putzigen Tiere hielten einen gewissen Respektsabstand, und irgendwie gelang es nie, sie vor die Linse des Fotoapparats zu bekommen. Jetzt endlich hatte eines der Tiere ein Einsehen und wartete geduldig, bis ich mein Teleobjektiv aufgeschraubt hatte. 

Neueste naturwissenschaftliche Nachrichten:
Noch im vergangenen Herbst hatte Frau Dr. Schnepp weitere Probenserien aus unseren Brandschichten entnommen (Foto rechts unten). Frau Dr. Schnepp arbeitet an der Weiterentwicklung einer neuen naturwissenschaftlichen Datierungsmethode, der Archäomagnetik. Wir freuen uns, dass unsere Ausgrabung hier einen Beitrag liefern darf. 

Zur Kontrolle nimmt Frau Dr. Schnepp regelmäßig auch Proben für eine Datierung mit der 14C Methode. In den fünfziger Jahren galt die 14C Datierung als Wunderwaffe für Absolutdatierungen. Inzwischen wird die Methode von einigen Physikern und Archäologen sehr skeptisch betrachtet. Für unsere berüchtigte Brandschicht B2 gibt es nun ein erstes 14C Datum. Aus dieser Schicht liegen eine große Anzahl Keramikfunde mit charakteristischen Merkmalen vor. Nach klassischer Methode datiert die Schicht in die Endbronzezeit. In absoluten Jahreszahlen entspricht das dem 8. Jahrhundert vor Christus. Unser Chef geht davon aus, dass sie noch genauer in den Zeitraum 750-700 v.Chr. gehört. Bei einer Endauswertung könnte sich dies nur noch geringfügig verschieben. 
Nach den Diskussionen im vergangenen Jahr über mögliche Fehler in 14C Daten, über die von Frau Dr. Schnepp gewonnenen geomagnetischen Werte in Isingerode und von anderen Fundplätzen in Norddeutschland, sowie die Synchronisierung der verschiedenen Datierungsmethoden rechnete ich - soweit ich diese Diskussion verfolgt und verstanden habe - mit einer 14C Datierung, die ein etwa 150 Jahre zu hohes Alter auswies. Das 14C Datum lautet allerdings weder 750-700v.Chr. (Keramikdatierung) noch grob 900 v.Chr., sondern (bereits kalibriert):
1431-1258 v.Chr. - mit 93,1 % Wahrscheinlichkeit.
Das Datum kann nicht stimmen. Die Datierung über die Keramik muss als sicher gelten. Der Zeitraum, den das 14C Datum suggeriert, gehört einer völlig anderen Stilepoche an. (Nebenbei passt das Datum auch nicht zu den archäomagnetischen Werten, falls ich das im vergangenen Jahr richtig verstanden habe.) Ein Messfehler ist bei dem heutigen Stand der Labortechnik auszuschließen. Eine Verunreinigung der Probe durch rezentes Material ist auszuschließen, da diese immer ein zu junges, niemals ein zu hohes scheinbares Alter zu Folge hätte. Bestimmte Umwelteinflüsse können dazu führen, dass 14C Datierungen irreführende Ergebnisse haben (z.B. sog. "Reservoir-Effekte"). Welche Einflüsse hier für das deutlich falsche Datum verantwortlich sind, ist nicht erkennbar.
Aber da war mal ein gewisser Archäologe (nein, niemand aus unserem aktuellen Team), der sagte: Ein einzelnes 14C Datum habe seiner Meinung nach keine Aussagekraft - weshalb er sich lieber auf Serien von drei bis fünf aus einer Schicht / einem Befund stütze. Schau 'ma mal...

Verpflegung:
Wie immer war für das leibliche Wohl der Grabungshelfer bestens gesorgt: "Grabungstorte" und Grillwurst. 
Auf einer Ausgrabung wird körperlich gearbeitet. Da benötigt man gehaltvolle und energiereiche Kost.





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