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Lothars kleines Grabungstagebuch 2008
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode

Liebe Leser dieser Seite.
Am kommenden Sonntag ist der sogenannte "Tag des offenen Denkmals". Für Isingerode sind keine besonderen Aktionen geplant, aber ich möchte → HIER ← auf Veranstaltungen an zwei anderen Ausgrabungsstellen im Braunschweiger Land aufmerksam machen. Außerdem hatten wir am Samstag den 06.09. das Fernsehen in Isingerode auf der Grabung (naja....). Dazu findet sich dort ebenfalls ein Hinweis.

Folge 11:
50. Grabungstag der Kampagne 2008
07. September

Vorweg: Die Aussaat steht bevor. Herr Meyer hat seinen Acker gepflügt. Der Pflug war wohl leider etwas tief eingestellt, denn er hat damit entlang der Befestigungslinie des Burgwalles große Mengen an Holzkohle nach oben gepflügt und auch einiges an Keramik. 


Abschnitt "Wallinnenseite":
Wie in der vorigen Folge geschrieben, erwarten wir nicht, die Arbeiten hier in diesem Jahr abschließen zu können. Damit es aber mal vorangeht, haben Angelika, Ingrid, Martina, Reinhard, Uwe und zeitweilig auch ich hier gearbeitet. Das Ergebnis ist ein schönes Foto über Steinpflaster und Holzkohle.
Und ein ganz ungewöhnlicher Fund von Reinhard. (Manchmal sagen wir scherzhaft: Die Scherbe sucht den Ausgräber - nicht umgekehrt. Und Reinhard ist berüchtigt dafür, gute Funde zu machen. Wenn in einem Bereich nix Vernünftiges zu Tage kommt, gibt es auch mal den Spruch: "Setzt doch mal den Reinhard da hin!" Nebenbei putzt er ein perfektes Planum...)


Die Scherbe, die er hier gefunden hat, weist stark abgerundete Bruchkanten auf. Dies ist ein Hinweis dafür, dass sie mehrfach umgelagert wurde, gewissermaßen schon "alt" war, als sie an die Stelle ihres Fundes gelangte. Sie zeigt eine Knubbe und mehrere Reihen einer Stichverzierung. Unser Chef Wolf-Dieter Steinmetz datiert sie danach in die Jungsteinzeit. Dies ist der erste Fund, der uns anzeigt, dass wohl mehr als tausend Jahre vor der ersten Befestigung schoneinmal Menschen diesen Platz attraktiv fanden. 


Schnitterweiterung "Wall/West":
Hier gewinnt man den Eindruck, dass wir gerade in der relativ unergiebigen Wallmasse graben. Eine Scherbe, hier und da, nichts Besonderes. Zu dem Fund einer Pfeilspitze am vergangenen Wochenende sei nachgetragen: Sie ist vermutlich aus Geweih. Bronzepfeilspitzen sind für unsere Zeit und Region die absolute Ausnahme. Im Museum in Wolfenbüttel gibt es nur eine einzige. Bereits vor ein paar Wochen hatte Michael eine Pfeilspitze aus Geweih im äußeren Graben gefunden, die ich leider immernoch nicht gesehen habe . Sie stammt damit aber aus dem Zusammenhang "Siedlungsabfälle" und mag eher bei der Jagd benutzt worden sein. Die Spitze aus dem Wall könnte der Lage nach tatsächlich auf den Wall abschossen worden sein. Das sieht dann mehr nach Kampf, als nach Jagd aus.

Abschnitt "Innerer Graben":
Bei 3m50 unter heutiger Oberfläche ist der Graben noch etwa 1m20 breit. Bernd und Werner haben hier am Samstag gearbeitet, Scherben und  einen Knochen gefunden. Am Sonntag habe ich mit dem Abtiefen auf 3m70 begonnen. Tiefster Fund war eine Scherbe ohne charakteristische Merkmale bei 3m55. Hier sind wir bald "durch". Dann folgt die Herkulesarbeit "Putzen des großen Profils".

Abschnitt "Äußerer Graben":
Michael konnte am Sonntagabend vermelden, dass er in "seinem" Graben den gewachsenen Boden erreicht hat. Hier bleibt nur noch, dass Profil zu putzen und zu dokumentieren. Doch auch in ungeputztem Zustand war nach unserer Auffassung gut zu erkennen, dass die Siedlungsabfälle, mit denen der Graben systematisch verfüllt wurde, von der Innenseite hineingekippt wurden. Die Feststellung klingt banal - ist sie aber nicht. Der Graben muss an dieser Stelle direkt von der Siedlung auf der Hochfläche aus zugänglich gewesen sein. Das kann man als Indiz dafür werten, dass kein hoher Wall mehr bestand, und auch der innere Graben nicht mehr sehr steil und tief gewesen ist. Warum die Abfälle aber in den äußeren Graben gekippt wurden, nicht in den inneren, obwohl der ja viel später noch zumindest so stark als Graben erkennbar war, dass er neu ausgebaut wurde, ist natürlich eine ungeklärte Frage. Über die Gräben wird noch viel nachzudenken sein. Vielleicht bringt uns auch die Untersuchung der Torsituation im äußeren Graben da weiter - nächstes Jahr...

uuuuuuuuuuuuuuuuuund:

ISI 2
"Die Insel", "Das Loch da draußen", oder "Das Away-Team
"
In Isingerode haben wir es zunächst mit einer vorgeschichtlichen Befestigung zu tun. Aber auch im näheren und weiteren Umfeld des Burgwalles rechnen wir mit archäologischen Befunden. Auf den angrenzenden Ackerflächen liegen hier und dort Scherben an der Oberfläche. Das Magnetbild weist auf Fundstellen außerhalb des Burgwalles hin, und nicht zuletzt konnten wir auffällige Bewuchsmerkmale beobachten. Vielleicht hat es eine Außensiedlung vor der Burg gegeben, und irgendwo muss sich auch der Friedhof der Siedlung befunden haben.
In diesem Sommer stachen uns nun einige verdächtige Flecken im Getreide auf dem Gegenhang südlich der Befestigung allzusehr ins Auge. Diese waren sogar noch nach der Ernte erkennbar. Entsprechend holten wir uns die Genehmigung vom Grundbesitzer Herrn Meyer ein, hier in dem Zeitfenster zwischen Ernte und Aussaat eine kleine Testfläche zu untersuchen. Unser Chef spazierte weit hinaus aufs Feld, setzte einen Markierungspfahl an einer der (vielen) verdächtigen Stellen, und los ging es. Schon nach dem Abtrag der Pflugschicht zeigte sich, dass er direkt "ins Schwarze" getroffen hatte. Scharfkantig zeichnete sich ein dunkler Befund im hellen Kies ab, und aus dem Befund sprangen die Scherben nur so heraus.
Sehr schnell war einerseits klar, dass wir es mit einer spätbronze- oder früheisenzeitlichen Grube zu tun hatten, andererseits sah die Grube etwas anders aus, als erwartet, und die Interpretation ist eher schwierig.
Wir hatten eine ziemlich konkrete Erwartungshaltung. Wer unser "Informationen und Berichte" Heft aufmerksam gelesen hat, wird unschwer erkennen, welche.
Ich möchte hier grob beschreiben, was wir vorfanden - Irrtümer vorbehalten! Ich selbst war nicht an der Arbeit beteiligt, sondern spazierte nur gelegentlich hinüber. Die kleine Auswahl an Fotos von Funden am Ende des Textes ist daher eher zufällig.

Lage der Fundstelle:
Jenseits der Senke im Süden des Burgwalles, auf der nächsten Hochfläche, etwa 150 Meter vom äußeren Graben. (Das ist geschätzt. Die gemessene Entfernung liegt mir nicht vor.)

Form des Befundes:
Rechteckig, ca.2m auf 1m20. Erhaltene Tiefe unter der Pflugschicht ca. 65 cm. Die Wände sind senkrecht, der Boden der Grube aber ist nicht flach, sondern bildet eine leichte Mulde.

Grubenfüllung:
Die dunkelgraue bis braune Grubenfüllung ist annähernd frei von Kieseln und Steinen. Sie hebt sich deutlich vom gelblich-hellen kiesel- und steindurchsetzten Boden der Umgebung ab. Diese Umgebung ist fundfrei.

Funde:
Keramik, wenige Tierknochen und große Tierzähne (Rind?), Brandlehm, teilweise mit Abdrücken von Rutengeflecht, Spuren von Holzkohle. Die Keramik besteht aus ungeordnet liegenden Scherben. Von m.E. mindestens vier Gefäßen unterschiedlicher Typen liegt ausreichend Material für eine Rekonstruktion der Gefäßform vor. Darunter ist ein hoher Topf mit innenverziertem Rand, einer Reihe Fingerkuppeneindrücke am Übergang zum Hals. Unterhalb des Halses ist das Gefäß mit senkrechten, langen Ritzlienien verziert. (Obere Reihe der Fotos unten.) Weiterhin eine große Schale (möchte fast sagen "Schüssel") mit wellenverziertem Rand und rauer Oberfläche. (Fotos untere Reihe Mitte.) Es liegen mehrere Scherben von dünnwandigen Gefäßen (Schalen) mit gut geglätteter, orangefarbener Oberfläche und ausladender Schulter vor. (Eine davon unten links.) Da ich die Funde noch nicht zusammengesehen habe, mag ich nicht entscheiden, ob es sich um ein oder zwei verschiedene Gefäße handelt.  
Nachtrag: Die Knochen vom Grund der Grube (Foto untere Reihe rechts) machen auf mich den Eindruck, als wären sie bearbeitet. Das ist aber ein Feld, mit dem ich mich nicht auskenne. Bin gespannt, was die Osteologin dazu sagen wird.

Datierung:
Der Grabungsleiter geht nach dem ersten Augenschein von einer endbronzezeitlichen Datierung aus. Der Befund ist seiner Verfüllung nach also etwa zeitgleich mit dem großen Zerstörungshorizont Wallinnenseite.

Interpretation:
Unser Chef spricht den Befund als "Funktionsgrube" an, wobei die ursprügliche Funktion unklar bleiben muss.
Es handelt sich nicht um eine Vorratsgrube.
Die Grube ist viel zu flach. Die Keramik gehört zu Gefäßen verschiedener Typen. Die meisten davon sind keine Vorratsgefäße. Die Grube mag in ihrer ursprünglichen Funktion natürlich einen ganz anderen Inhalt gehabt haben. Aber auch die rechteckige Form wäre völlig untypisch für eine Vorratsgrube.
Es handelt sich nicht um ein Grab.
Es fehlen jegliche Anzeichen von Leichenbrand oder sonstige menschlichen Überreste. Die ganze Verfüllung der Grube sieht ihrer Struktur nach wie Siedlungsmüll aus.
Der Befund war vor seiner Ausgrabung durch Bewuchsmerkmale zu erkennen. Wenn wir davon ausgehen, dass die vielen weiteren "Flecken" ähnlicher Größe und gleichen Aussehens auf der südlich des Burgwalles jenseits der Senke gelegenen Hochfläche ähnliche Befunde markieren, haben wir es hier mit einem ausgedehnten "Aktivitätsbereich" zu tun, der zur endbronzezeitlichen Burg gehörte. Ich halte es für legitim, diese Fläche sogar als "Siedlungsbereich" anzusprechen. Streng genommen kann man diesen Begriff allerdings erst benutzen, wenn tatsächlich Häuser nachgewiesen sind. Ich gehe allerdings davon aus, dass bei den vorliegenden Bodenverhältnissen der Nachweis von Hausgrundrissen unmöglich ist. Wollen wir hier einigermaßen sichere Aussagen treffen, müssen wir natürlich weitere der verdächtigen Stellen untersuchen.

→ Weiter zur nächsten Folge

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