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Lothars kleines Grabungstagebuch 2008
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode


"Piep, piep, piep! Wir wollen Regenwurm!" Eine besondere Entdeckung von Harald: In einem Brennnesselbusch auf der Schnittkante, 2m50 über dem Grund des großen Grabens.

Folge 7:
Das Wochenende 31.05. und 01.06.2008
Im Land, wo die Scherben aus dem Boden wachsen - und manchmal auch ganze Töpfe...

Am Samstag waren wir gut besetzt: Achim, Bärbel, Bernd, Gabi, Heide, Michael, ich und der Chef: Acht eifrige  "Helden der Vorgeschichtsforschung" - naja ;-D. Das wunderbare war an diesem Tag, dass wir in jedem Abschnitt, in dem wir gearbeitet haben, gute Funde machten. Und was im Zerstörungshorizont an der Wallinnenseite so aus der Erde wächst, versetzt uns nur noch in Begeisterung.
Am Sonntag traten wir mit leicht geänderter Besetzung an: Achim, Bärbel, Harald, Hubertus, Ingetraud, Ingrid, ich und der Chef. Der Tag war nicht weniger erfolgreich und endete mit der Bergung eines echten Highlights unter den Funden.

Doch blicken wir der Reihe nach von Süd nach Nord:

Im äußeren Graben sind wir es ja durchaus gewohnt, dass an einem Grabungstag ein halber bis ein Eimer Funde zusammenkommt. Aber immer wenn ich in der letzten Zeit beim Abfahren des Abraums an Michael vorbeikam, und ihn fragte, ob denn etwas besonderes dabei gewesen wäre, verneinte er. Am Samstag hatte er dann aber doch malwieder eine Scherbe dabei, die er für vorzeigbar hielt. Tatsächlich ist der äußere Graben einfach so fundreich, dass er uns wohl nicht jedes einigermaßen interessante Stück unter die Nase halten mag. Am Sonntag wurde ein Teil seiner Funde gewaschen, und waren noch mehrere betrachtenswerte Dinge dabei. So, wie wir den äußeren Graben datieren, nämlich in die frühe Eisenzeit, dürften allerdings gerne noch mehr verzierte Stücke dabei sein. Ich stellte auch bei diesen Stücken z.T. etwas fest, das mir bereits beim Waschen von Funden aus dem gleichen Abschnitt aufgefallen war: Bei größeren Stücken der Feinkeramik mit Rand und Schulter ist genau dort, wo man die Verzierung erwarten darf, die Oberfläche der Keramik abgeplatzt.

Beispiele für Funde aus dem äußeren Graben:
Links: Ein Stück Rauhtopf mit ungewöhnlich weit ausschwingender Schulter und Rand mit Fingerkuppeneindrücken. 
Mitte: Weiterhin liefert der äußere Graben auch viele Knochenfunde. 
Rechts: Eine mit Ritzlinien verzierte Scherbe, von Bärbel am Sonntag gefunden.

Im großen Graben sind wir gerade besonders aktiv in dem Bereich, den wir den "germanischen Graben" nennen. Dies ist ein etwa vier Meter breiter Streifen der bisher eine ganze Reihe von Funden geliefert hat, deren Merkmale auf die Zeit um Christi Geburt verweisen ("Großromstedter Horizont"). Derartige Scherben finden sich bisher nur in diesem Abschnitt, dafür aber gehäuft. Und da kamen auch wieder einige Dinge zum Vorschein, die man nur als typisch für die späte vorrömische Eisenzeit/frühe Kaiserzeit einordnen kann. 

Beispiele für Funde aus dem "germanischen" Graben:
Links: Ein Fund von Bernd.
Mitte: So könnte das das Gefäß vollständig ausgesehen haben - bei uns allerdings unverziert. Zeichnung aus: K.H. Jacob-Friesen: Einführung in Niedersachsens Urgeschichte, Hildesheim/Leipzig 1931, S. 132.
Rechts: Minimalfund: Von diesem Gefäß ist hier wirklich nur noch ein Stück Rand übrig geblieben. Dennoch: Es ist ein typisch kantig abgestrichener ("fazettierter") Rand. 

An der Innenböschung des großen Grabens hat Hubertus am Sonntag eine schöne Feuersteinklinge aus dem Abtrag gezogen. Sie führt uns malwieder vor Augen, was für ein geniales und dauerhaftes Material Feuerstein ist. Denn mit dieser Klinge könnte man sicher sofort immer noch Fleisch oder auch Leder schneiden. 

Im Wallbereich ist die Schnittverbreiterung vorläufig abgeschlossen. Für eine zweite Erweiterung nach Westen, wo sich die Wallsubstanz mit bis zu 70cm mehr Mächtigkeit erhalten hat, liegt nun die Genehmigung vor. Diese Erweiterung wird geringfügig in das angrenzende Landschaftsschutzgebiet hineinragen, weshalb es einer zusätzlichen Genehmigung bedurfte. Wir versprechen uns hier weitere Aufschlüsse über den Aufbau der Befestigungslinie, die wir auf dem Feld nicht erzielen können. Diese Erweiterung werden wir vermutlich ab August angehen.

An der Innenseite des Walles hatte Angelika bereits am vergangenen Wochenende in unserem berüchtigten Zerstörungshorizont eine mehr als zur Hälfte erhaltene Schale entdeckt (Foto links). Ein wirklich schönes Objekt! Achim putzte es am Samstag frei, und es konnte dann doch trotz der erkennbaren Brüche geborgen werden, ohne dass es sich weiter zerlegte.
Nur etwa 40cm daneben lugte eine weitere, verdächtig große Scherbe aus dem Boden (Foto rechts).

Am Samstagabend setzte sich der Chef an diese Sache. Und es zeigte sich bald, dass wir es hier mit einem annähernd vollständigen Gefäß zu tun hatten, einer Schale mit etwa 20cm Durchmesser, gut geglättete Ware, Verzierung senkrechter Riefengruppen auf dem merkwürdig senkrechten Bauch. Ein wunderschönes Stück. Die Begeisterung im Team war groß. Leider waren in der Schale deutliche Risse erkennbar. Durch einen war sogar eine freche Wurzel gewachsen. Das Gefäß wurde "Angelikas Sahneschale" getauft.

Bei der Bergung der Schale haben wir eine Methode ausprobiert, die Jörg Weber gerade bei den Schalenurnen auf dem Gräberfeld bei Rüningen einsetzt. (Was er da macht, hatte ich → hier mal angerissen, aber dazu werde ich demnächst malwieder was schreiben.) Die Schale wurde mehrmals eng mit einfacher Frischhaltefolie umwickelt, damit sie sich trotz der Risse beim Aufnehmen nicht in hundert Scherben zerlegt. Das hat übrigens hervorragend funktioniert.

Falls Jörg diese Seite liest: Lach nicht, dass wir uns über zwei Schalen so die Nase abfreuen, wo Du jeden Tag an die zehn aus der Erde holst. Unsere sind mehr als tausend Jahre älter.

Diese Funde haben für uns eine große Bedeutung. Wir haben bisher fünf vollständige bzw. vollständig rekonstruierbare Gefäße verschiedener Typen aus definitiv derselben Schicht auf einer Fläche von etwa vier Quadratmetern. Vielleicht werden es noch mehr. Diese dürfen wir als "geschlossenen Fund" betrachten. Sie repräsentieren damit einen Teil der Keramik, die hier zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in Gebrauch war, zu dem Zeitpunkt nämlich, als die Befestigung in einer Brandkatastrophe zusammenbracht. Für diese bekommen wir noch wahrscheinlich eine (oder mehrere verschiedene) naturwissenschaftliche Datierung. Das setzt einen guten Bezugspunkt für die Chronologie - nicht nur an diesem Fundplatz.

Sehr zufrieden beendeten wir dieses Grabungswochenende - voller Vorfreude auf das nächste!

Nicht vergessen: Tag der offenen Ausgrabung am 22. Juni 2008

Nach dem "Tag der offenen Grabung", Grabungspause, Schreibpause: → HIER geht's weiter, tiefer in den Boden von Isingerode!

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