Die Grenzlerburg

Eine Wanderung am 03. Februar 2008

Für den ersten Februarsonntag hatte Archäologie-Freund Hugo zu einer Wanderung in den Wäldern nahe seines Heimatortes Gitter eingeladen. Axel und Hartwig von der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft Salzgitter, "unser" Archäologe Wolf-Dieter Steinmetz, Achim&Achim sowie meine Wenigkeit vom FABL-Ausgrabungsteam waren dem Ruf gefolgt. "Sieben Männer allein im Wald" - wohl nicht die sieben Teufel der alten Sage vom "Schäferstuhl", an dem unsere Wanderung begann und endete. 

Auf diesem Foto nur fünf - Achim Scheffler hat auf seiner Kamera noch ein Gruppenbild, dass ich vielleicht später nachtrage...

Hugo hatte eine schöne Tour ausgewählt, und wir wollen glauben, dass er durch ein persönliches Gespräch mit Petrus auch für das perfekte, sonnige Wanderwetter gesorgt hat.
Unser Ziel war ein Platz, der als "Grenzlerburg" in Karten eingezeichnet ist. Wohl war ich bereits bei Kartenstudien über den Namen gestolpert, in der Literatur war sie mir aber noch nie begegnet. Umso gespannter war ich auf das, was wir hier zu sehen bekommen würden, und was Hugo und Wolf-Dieter dazu zu sagen hätten.
Die Grenzlerburg ist im Kern eine rechteckige, fast quadratische Anlage mit massivem erhaltenem Mauerwerk. Ihr Erscheinungsbild verweist ins Hochmittelalter, genauso wie alle bekannten Funde. In der schriftlichen Überlieferung dieser Zeit taucht sie aber Trotz ihrer Größe nicht auf. Hier wird uns wieder einmal die Lückenhaftigkeit der historischen Überlieferung vor Augen geführt. Ungezählte Mannstunden von Arbeit müssen in der Errichtung einer so starken Befestigungsanlage stecken. Niemand wird sich diese Mühe ohne Grund gemacht haben. Aber auf die Frage, wer hier warum so eine massive Befestigung errichtet hat, können wir nur mit vagen Vermutungen antworten.
Die Gegend hat mit wertvollen Bodenschätzen aufzuwarten. Hier gab und gibt es Eisenerz.

Inzwischen sind die neuzeitlichen Gruben geschlossen und hinterlassen tief im Untergrund einen überdimensionalen schweitzer Käse. Eindrucksvoll schilderte Hugo die Gefahren, die heute von den unverfüllten Stollen ausgehen. Hoffen wir, dass nicht allzu viele Häuser in den umliegenden Ortschaften in sich plötzlich auftuenden Abgründen verschwinden...


Im Mittelalter - vielleicht auch in früherer Zeit - konnte hier Erz im Tagebau gewonnen werden. Dazu konnte man von den Türmen der Grenzlerburg sicher hervorragend bis zu den Solequellen beim heutigen Salzgitter Bad sehen. Die liegen geschätzt keine zwei Kilometer entfernt. Und Salz war ein überaus wertvoller Rohstoff. Die Bedeutung, die das Salz für die Region hatte, läßt sich daran ermessen, dass sie den Namen "Salzgau" trug. Belege für die Salzgewinnung finden sich in der schriftlichen Überlieferung seit dem frühen 11. Jahrhundert. Die Grenzlerburg liegt zudem direkt oberhalb eines alten Fernweges.

Die rechteckige, mit hoher Sicherheit hochmittelalterliche Anlage ist umgeben von weiteren gestaffelten Wällen und Gräben. Die ältere Heimatforschung hat vermutet, dass in einer bereits existierenden, vor- oder frühgeschichtlichen Wallburg im hohen Mittelalter erneut gebaut wurde. Wer fühlt sich nicht erinnert an ähnliche Thesen zur Krimmelburg oder zur Elmsburg im nahen Elm? "Germanisch" oder gar noch älter sollen die Wälle gewesen sein. Von diesem Platz aber sind ausschließlich mittelalterliche Funde bekannt. So verführerisch die Idee - kein Indiz spricht für eine vorgeschichtliche Vorgängeranlage. Und selbst bei hohem Aufwand wird sie nur schwer nachzuweisen sein. Sehen wir auf die beiden ähnlichen Fälle Krimmelburg und Elmsburg. Bei der Krimmelburg können wir mit einigermaßener Sicherheit (bei schlechter Dokumentation der Altgrabungen) davon ausgehen, dass dort eine erste Befestigung bereits in der älteren Eisenzeit errichtet wurde. Bei der Elmsburg muss man kritisch feststellen, dass es hier ebenfalls keine Funde gibt, die eine vorgeschichtliche Errichtung des äußeren Walles belegen. Ausschließen läßt sich freilich nicht, dass auch in vorgeschichtlicher Zeit jemand diesen Platz befestigte. 
Auch bei der Grenzlerburg wollen wir zunächst einmal garnichts ausschließen, allerdigs fügen sich die äußeren Wälle und Gräben allzu gut an die mittelalterliche Burg. Das alles gehört gewiss zu einer Anlage. Letztendlich muss man es ausgraben, wenn man mehr wissen will. ("Oh, wenn ich tausend Kellen hääätte" - frei nach einem beliebten Choral.) Leider wird die Grenzlerburg wohl vorerst weiter ihren Dornröschenschlaf schlummern müssen, bis dereinst ein junger Archäologe kommt, und sie wachküsst. Hoffentlich hat der Wald sie bis dahin nicht völlig aufgefressen.

Ein paar Fotos:

Nahe der Grenzlerburg ist in topographischen Karten zweimal das Symbol für "Hügelgrab" eingetragen. Und Hügelgräber interessieren uns Archäologiefreunde natürlich. Bei den beiden zweifelsohne künstlichen Erhebungen, die uns hier im Wald sofort ins Auge sprangen, kann es sich allerdings unmöglich um Grabhügel handeln, darüber herrschte Einigkeit. Sie sind viel zu groß. Eine ganze skytische Königsfamilie samt Hofstaat mit Pferden hätte darunter Platz. Außerdem wäre die eher längliche, rampenartige Form doch sehr ungewöhnlich. Vermutlich handelt es sich eher um Außenwerke der Burg. Nach einem späteren Blick auf die Karte bin ich mir aber nicht einmal mehr ganz sicher, ob da wirklich diese Hügel gemeint waren - nur hatte ich auf der Wanderung die Karte dummer Weise nicht dabei.

Dank an Hugo für die Vorbereitung - und Dank an das Fliegerheim am Sportflugplatz Schäferstuhl für gastfreundliche Aufnahme. Dort ließen wir beim Bier und Gesprächen, voller Tatendrang für die kommende Grabungssaison, den Tag ausklingen.  


Gudrun Pischke u.a.: Gitter - Zwölf Jahrhunderte Geschichte, Salzgitter 1996.
→ Hugo Mellenthin: Die Grenzlerburg, S.18-22 (Weiterführende Literatur in den Anmerkungen.)
→ Gudrun Pischke: Sagen aus Gitter und von der Grenzlerburg, S. 392-397.


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