Die Lübbensteine bei Helmstedt

Über die Lübbensteine bei Helmstedt ist viel geschrieben worden. Soetwas wie die 'wissenschaftliche Auseinandersetzung' mit ihnen beginnt im 17. Jahrhundert, und bereits 1695 soll auf Geheiß des Herzogs eine 'Ausgrabung' stattgefunden haben. Auch das Internet ist voll von Seiten zu den Lübbensteinen. Kein Grund also, der Wiederholung von Altbekanntem hier viele Zeilen zu widmen.

Unbestreitbar: Sie sind herrlich!

Steckbrief:

Bezeichnung des Denkmals: Die Lübbensteine

Ort: St. Annenberg, nördlich der Bundesstraße 1 am Ortseingang von Helmstedt.

Art des Denkmals: 2 Großsteingräber / megalithische Ganggräber mit Steineinfassung ;nördliches Grab 5-jochig, südliches Grab (schlechter erhalten) wahrscheinlich ebenfalls.

Zeitstellung: Errichtet etwa Mitte des 4. Jahrtausends vor Chr..

Datiert durch: Baustil, Keramik: Tiefstichkeramik (Ausgrabungen 1935).

Zustand: Rekonstruktion nach älteren Aufzeichnungen und bildlichen Darstellungen sowie den Grabungsergebnissen von 1935; die Anlagen waren aber nie "versenkt".

Besonderheiten:

  • Nicht aus Findlingen, sondern lokal anstehendem Gestein (Braunkohlequarzit) errichtet
  • Siedlung der Erbauer lag vermutlich 700m nördlich an einem See
  • Nach alter Überlieferung waren noch im 17. JH vier Gräber vorhanden

Ein zauberhafter Name:
Den Namen "Lübbensteine" leitet Otto Krone (KRONE 1931, S.35) etymologisch von mhd. lüppe : "Zauber, Zauberei" bzw. von lubbenaere : "Zauberin"  ab. Statt lubbenaere kennt der LEXER lüppelaerinne. Dort stehen neben den "Zauber"-Bedeutungen von lüpp-Worten immer auch Bedeutungen wie "giftig, Vergiftung". Verstehen wir behelfsmäßig die "Lübbensteine" als "verzauberte" oder "gezauberte Steine". 
Natürlich gibt es eine ganze Reihe anderer Deutungen des Namens der Lübbensteine, die bei Grabowsky 1898 vorgestellt werden. Diese aber gefällt mir am besten.

"It looks very celtic!"
Neulich war ich zu Besuch bei einer Irischen Volkstanzgruppe. Ich zeigte ein paar Fotos von den Lübbensteinen und schlug vor, dort ein paar stimmungsvolle Fotos zu machen. Ein nicht-europäisches Mitglied der Gruppe sah die Bilder an und sagte: "This is Stonehenge!" "No," erwiderte ich, "It's only 30 minutes from here - a place called Helmstedt." "But it looks very celtic!" Soso. Nicht Riesen, nicht Zauberei; die alten Kelten haben also die Megalithgräber gebaut?

Abwegig? Otto Hohnstein schrieb in der Einleitung zu seiner "Geschichte des Herzogtums Braunschweig" noch 1908:
"In den ältesten Zeiten saßen in dem ganzen Nordwesten unseres Vaterlandes die Kelten (...). Von ihrem Dasein zeugen noch heute die zahlreichen Hünengräber in der Lüneburger Heide, sowie in unserer Gegend die Lübbensteine bei Helmstedt, die tumuli oder Grabhügel bei Evessen, Sickte und Klein-Vahlberg, der Heidenhügel bei Klein-Veltheim und viele Steinkistengräber, die in den letzten Zeiten in unserem Land aufgedeckt worden sind." (S. 3f )

Herr Hohnstein wusste es damals nicht besser. Keiner der angeführten Plätze hat irgendetwas mit den Kelten zu tun. Jungsteinzeitliche Megalith-Architektur und mittelbronzezeitlicher Schmuck und Waffen aus Grabhügeln wurden früher fälschlich mit den eisenzeitlichen Kelten assoziiert. Der von Braunschweig aus gesehen nächste Platz, der tatsächlich mit den Kelten in Zusammenhang zu bringen ist, ist die Pippinsburg bei Osterode am Harz. Sie ist gewissermaßen ein nördlicher Vorposten keltischer Kultur in unserer Gegend. (Vorsichtige Ur- und Frühgeschichtler würden hier aber nicht von keltischem Siedlungsgebiet, sondern von einer "Kontaktzone zwischen Latène-Kultur und Jastorf-Kultur" sprechen.) 

It looks very celtic? - Natürlich war meine Idee, als ich die Fotolocation den Irischen Steptänzern vorschlug, ein Spiel mit der Assoziation: Sanfte Hügel, große Steine = Irland. (Im Februar, als ich die Aufnahmen machte, waren die Hügel noch nicht grün.) Nicht gerade celtic. In den nördlichen Rückzugsgebieten keltischer Sprache und Kultur, wie z.B. Irland, haben die alten Kelten die Megalithbauten wohl ähnlich betrachtet wie wir heute: Als eindrucksvolle Werke einer namenlosen Vorbevölkerung. Da standen die Steine schon seit 3000 Jahren. Aber um eine wunderschöne Landschaft zu genießen, nicht Natur-, sondern eine sichtbar jahrtausende alte Kulturlandschaft, muss man keine lange Reise unternehmen. Von Braunschweig aus erreicht man sie im Zweifelsfall mit dem Fahrrad.

Nachtrag:
It looks very celtic indeed!
Tatsächlich riefen die Lübbensteine immer wieder Assoziationen mit "Kelten" und Stonehenge hervor. In einem Aufsatz von Fritz Grabowsky fand ich folgende Anekdote, die ich hier  wörtlich wiedergeben möchte:

Dr. Münter, Bischof von Seeland zu Kopenhagen, hatte bei einer Reise nach Deutschland im Sommer 1806 die Lübbensteine besucht und darüber in der skandinavischen Gesellschaft zu Kopenhagen berichtet. Die Abhandlung gelangte im Jahre 1809, ohne den Namen des Autors, in der Beilage zum Helmstedtschen Wochenblatte zum Abdruck. Von Dr. Münter unterzeichnet, ist sie dann im Jahre 1812 in "Westfalen unter Hieronymus Napoleon" nochmals wörtlich abgedruckt worden. - Dr. Münter erwähnt zunächst alle Umstände, die dafür sprechen, daß die Lübbensteine eine unterirdische Begräbniskammer sein könnten, entkräftet dann aber diese Ansicht, und sagt zum Schluß, daß, obgleich man nachher Urnen in und neben diesem Monument niedergesetzt hat, es doch nichtt ursprünglich zu einem Begräbnis bestimmt war. "Es bleibt also", fährt er fort, "keine andere Vermuthung übrig, als daß es ein zur Verehrung der Götter bestimmter Ort gewesen ist, und wenn ich es mit den englischen Monumenten von Stonhenge, als bei Aibury in Wiltshire, vergleiche, so glaube ich so viele Ähnlichkeiten mit diesem, obgleich in vermindertem Maßstabe, zu finden, daß ich nicht umhin kann, das Helmstädtsche für ein so echt druidisch zu halten, als jene es sind. Denn auch diese haben das Charakteristische, daß zwei Steine immer den dritten tragen. Daß sie die Form eines Kreises haben, welches unser Monument, das in einer Linie errichtet ist, nicht hat, kann meine Vermuthung nicht umfassen, in dem vielleicht die Bestimmung dieses Orts nicht genau die nämliche war als die, welche die Englischen hatten und wahrscheinlich auch die Zeiten verschieden waren. Das Helmstädtsche Monument verräth noch die erste Rohheit, und ist daher vielleicht älter als die Einwanderung der Druiden in England." - Man kann sich nach dieser Erörterung freuen, daß der Herr Bischof mit seiner lebhaften Phantasie unter den Prähistorikern Dänemarks nicht Schule gemacht hat.
Fritz Grabowsky: Die Lübbensteine bei Helmstedt, in: Richard Andree: Beiträge zur Anthropologie Braunschweigs, Braunschweig 1898, S. 39-58.

In zweierlei Hinsicht hatte der gute Bischof Münter aber denn recht. Erstens sind die Lübbensteine deutlich älter als Stonehenge, erst recht als "Druiden in England". Zweitens sind sie genauso druidisch wie Stonehenge, nämlich garnicht.

In der März-Ausgabe 2006 des National Geographic findet sich übrigens der Essay "Celt Appeal" von  Tom O'Neill, der darauf eingeht, was heute denn so unter "keltisch" verstanden werden könnte. Schön sind die Fotos, die Erlebnisschnipsel mit heutigen "Kelten", und auch das Zitat von J.R.R. Tolkien:

Celtic of any sort is a magic bag, into which anything may be put, and out of which almost anything may come.

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