Bemerkungen zu Großsteingräbern mit Hinblick auf die kommende Ausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum Wolfenbüttel 

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MYTHOS UND LOGOS

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(Texte aus 2005 / 2006)

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↓ im Braunschweiger Land

↓ Megalithgrab Nordsteimke

→ Großsteingräber im Braunschweiger Land  - Ergänzende Bemerkungen - Mai 2010


In der Abteilung Ur- und Frühgeschichte des Braunschweigischen Landesmuseums gibt es Planungen für eine Ausstellung “Monumente der Steinzeit II”. Sie soll sich mit dem Phänomen des Großsteingrabbaus beschäftigen und gegen Sommer eröffnen. Im Winter 2005/2006 hatte ich mich ein wenig mit diesen faszinierenden, aber auch teilweise immernoch rätselhaften Denkmälern der Jungsteinzeit beschäftigt. Nun kehren meine Gedanken zurück. Gibt es Neues? Welche Hoffnungen darf man in Bezug auf die kommende Ausstellung hegen? 

Die Altmark - Haldensleben - Marienborn

Blicken wir zunächst in die weitere Nachbarschaft unserer jungsteinzeitlichen Vorbewohner. In der Altmark im nahen Sachsen-Anhalt tut sich einiges. Nach allem was wir wissen, wurden die Großsteingräber des Braunschweiger Landes von Angehörigen der gleichen Kulturgruppe errichtet, die in der zweiten Hälfte des vierten Jahrtausends vor Christus auch die Altmark besiedelte.
Noch 2006 erschien der wunderbare Band “Großsteingräber der Altmark”, der in hervorragender Weise den bis dahin erreichten Kenntnisstand präsentierte. Das einzige, was er nicht umfassend lieferte, waren Überlegungen zur Keramikchronologie / -typologie. Aber das interessiert sicher nur einige Freaks - wie mich. Und immerhin fand ich in diesem Band ausreichend Hinweise.
Zurecht wird im Internet auf der Webseite der "Megalithlandschaft Altmark" erklärt, dass man bei einer reinen Bestandsaufnahme der noch vorhandenen Großsteingräber nicht stehenbleiben dürfe, sondern dass für weitergehende Erkenntnisse neue Ausgrabungen, die nach heutigem Standard dokumentiert und ausgewertet werden, notwendig sind. Und genau das geschieht gerade in der Altmark. Die Webseite "Megalithlandschaft Altmark" (siehe → HIER) verschafft einen Überblick über die laufenden Forschungen.


Auf www.jungsteinsite.de findet man einen hervorragenden Bericht über eine der neuen Ausgrabungen (Lüdelsen 3, 2007), die m.E. unsere Kenntnis wirklich voran gebracht hat (siehe → HIER).

Nähert man sich nun von der Altmark dem Braunschweiger Land, so gelangt man zunächst in die Gegend von Haldensleben. Der “direkte” Weg nach Süden ist gewissermaßen durch die unwegsame und siedlungsfeindliche Sumpflandschaft des Drömmling versperrt. In der Gegend um Haldensleben sind gar noch mehr Überreste von Großsteingräbern auf engem Raum erhalten, als in der Altmark. Leider aber scheint mir, dass in den vergangenen Jahren keine neuen Forschungen unternommen wurden, die über das hinausgehen, was PREUSS 1973 in seinem Bericht darstellte.
Das gleiche gilt, soweit ich sehe, für die Großsteingräber bei Marienborn (bzw. Harbke). Und diese liegen ja wirklich vor der Haustür des Braunschweiger Landes. Zuletzt befasste sich BEIER 1994 mit ihnen. Aber von neueren Ausgrabungen oder Untersuchungen habe ich weder für die Großsteingräber um Haldensleben, noch für die bei Marienborn Kenntnis. (Ich wäre aber überaus begeistert, wenn irgendein Leser dieser Seite mehr weiß als ich, und mir eine entsprechende Mail mit Literaturhinweisen sendet!)
Die Großsteingräber um Haldensleben und bei Marienborn bilden die Brücke zu der kleinen Gruppe von Großsteingräbern im Nordosten des Braunschweiger Landes. Sie markieren gewissermaßen den Weg, den die Idee des Großsteingrabbaues genommen hat, bzw. wohl auch den Weg, den die Träger der Alttiefstichkeramik genommen haben. Unverständlich bleibt allerdings die Fundlücke zwischen Altmark und Haldensleben. Diese beiden “Großsteingrab-Provinzen” scheinen auf’s Engste miteinander verwandt. Ein, soweit ich erkennen kann, fundleerer Streifen von mehr als einem Tagesmarsch Breite aber trennt sie voneinander. Vermutlich war die Colbitz-Letzlinger Heide, die sich hier erstreckt, ebenfalls siedlungsungünstig.
Von den Großsteingräbern bei Haldensleben bis zu jenen bei Marienborn sind es nur ein paar Stunden Fußmarsch, wobei man im Erxlebener Forst ein weiteres Großsteingrab, die sogenannte “Heidenkrippe” passiert. Untersuchungen, Funde oder Befunde von der Heidenkrippe konnte ich bisher nicht ausfindig machen.
Ebenso liegen scheinbar zu den Großsteingräbern im Lappwald keine substanziellen Untersuchungen vor.
Im Lappwald bzw. zwischen Marienborn und Harbke liegen eine ganze Reihe Bodendenkmäler. Dem Augenschein nach - und bisweilen haben wir ja nichts anderes - sind zumindest einige dieser Denkmäler Überreste von tatsächlichen Großsteingräbern nordischer Art mit großen Decksteinen. Das von Engel 1928 untersuchte Grab ist nicht repräsentativ. Es gehört einer späteren Epoche an. Die Lübbensteine bei Helmstedt befinden sich quasi in Sichtweite von den Großsteingräberresten nördlich von Harbke . Insofern möchte ich vermuten, dass sie zur gleichen “Siedlungskammer” gehörten. Letztendlich hilft nichts. Im Lappwald sind systematische Ausgrabungen notwendig. Wenn die “Monumente” zwischen Harbke und Marienborn nicht jenseits einer modernen Bundeslandgrenze lägen, würde ich beginnen, den entsprechenden Leuten auf die Füße zu treten. 

Im Braunschweiger Land

Damit sind wir im Braunschweiger Land angekommen. Das Braunschweiger Land liegt unzweifelhaft am äußersten südlichen Rand der nordischen Megalithik. Und bis vor sechzig Jahren konnte man nur aufgrund zweifelhafter Überlieferung vermuten, dass es hier außer den Lübbensteinen weitere Großsteingräber gegeben hat.

Seit dem wurden die Spuren folgender Großsteingräber entdeckt und untersucht:
1950/51: Groß Steinum I und II (II fraglich) (Ausgrabung Tode)
1968/69: Nordsteimke (Ausgrabung Niquet)
1977/78: Süpplingenburg (Ausgrabung Rötting)
1994: Groß Steinum III (Nachuntersuchung nach unbeobachteter Zerstörung Geschwinde)

Der Publikationsstand zu den in den letzten sechzig Jahren in der Braunschweiger Region neu entdeckten Großsteingräbern ist nur als - ich suche nach dem richtigen Wort - mies zu bezeichnen. Obwohl jeweils kompetente Archäologen vor Ort waren, ist zu keiner der Anlagen je ein Fachartikel erschienen. Waren die Ergebnisse der Untersuchungen wirklich so mager?
2006 erschien ein Heft der Kreisarchäologin von Helmstedt Frau Dr. Bernatzky, in dem u.a. Groß Steinum und Süpplingenburg vorgestellt werden. Das Heft ist sehr lesenswert, bleibt aber, da es sich an ein breiteres Publikum richtet, Details schuldig. Immerhin wurde hier die Fundzeichnungen eines Gefäßes von Süpplingenburg abgedruckt.
Schon einige Jahre früher (1997) war ein Aufsatz von Dr. Michael Geschwinde angekündigt worden, der den Titel "Auf der Suche nach den Großsteingräbern zwischen Elm und Dorm" tragen sollte. Vermutlich aus redaktionellen Gründen gelangte er nicht in die Publikation, für die er ursprünglich vorgesehen war, und verschwand darauf in der Schublade. Vielleicht - hoffentlich - könnte er ja in überarbeiteter Form in eine mögliche Begleitschrift zur "Monumente II" Auststellung eingehen.
Zu Groß Steinum (I) gibt es mit Sicherheit weitergehende Details in der Grabungsdokumentation. Das mutmaßliche Grab Groß Steinum (II), das wohl so schlecht erhalten war, dass seinerzeit keine detailierteren Untersuchungen vorgenommen wurden, sollte zumindest in Beschreibungen oder durch Fotos dokumentiert sein.
Zum Grab von Nord-Steimke existiert ebenfalls eine Grabungsdokumentation (siehe unten). 
Ebenso gibt es zu Süpplingenburg eine Dokumentation. Im Zweifelsfall könnte man den Ausgräber, Herrn Prof. Rötting, M.A. auch noch dazu befragen.
Schließlich sei noch das Grab Groß-Steinum (III) erwähnt, bei dem allerdings die Archäologie erst hinzugezogen wurde, als es im Zuge von Baumaßnahmen bereits zerstört worden war. Sehr, sehr ärgerlich! 

Die Reste eines Großsteingrabes bei Nordsteimke


↑ Foto von 2010

1968 bemerkte ein Landwirt bei Nordsteimke (Stadt Wolfsburg) eine Ansammlung von Findlingen im Boden. Einerseits störten sie ihn bei der Feldbestellung, andererseits war die Sache doch so auffällig, dass der zuständige Archäologe Dr. Franz Niquet verständigt wurde. Die Steine wurden im folgenden Jahr freigelegt und an anderer Stelle im Ort wurde daraus 1975 ein "Dolmen" rekonstruiert.

Hery Lauer erklärte 1979 zu Nordsteimke in seinen "Archäologischen Wanderungen" :

"Eine wissenschaftliche Überprüfung der Rekonstruktion wird erst nach Veröffentlichung des Grabungsberichtes möglich sein."

Und Robert Slawski schrieb noch 2005 völlig zurecht für seine Webseiten → "Region Braunschweig - Ostfalen":
"(...)Heute haben wir ein rekonstruiertes Monument vor Augen, dessen konkrete Gestalt letztlich ganz unbegründet bleibt. (...) Weit schlimmer für die wissenschaftliche Würdigung jedoch ist, dass ein Grabungsbericht oder auch Grabungszeichnungen fehlen. Mag sein, dass sich entsprechende Unterlagen noch einmal anfinden. Bis dahin allerdings wird die seriöse Forschung den Befund mit größter Vorsicht behandeln, wenn sie ihn denn überhaupt zur Kenntnis nimmt. Was wir heute wissen, stammt aus den Berichten der lokalen Presse."

Fast könnte man annehmen, Niquet hätte 1969 hier nur eine zufällige Ansammlung von Findlingen ausgegraben.

2008 mussten die Findlinge von Nordsteimke, mutmaßliche Reste eines Großsteingrabes, erneut umziehen. Zu diesem Anlass wurde 2009 eine neue Informationstafel installiert. Hier sind nun zum ersten Mal Fotos und ein Plan aus der Grabungsdokumentation abgebildet. Vierzig Jahre nach erfolgter Ausgrabung! Das bedeutet zunächst einmal: Die Grabungsdokumentation ist nicht (mehr) verschollen. Und die neue Rekonstruktion stützt sich erkennbar auf diese Unterlagen.

Nur aus der hohlen Hand von der neuen Schautafel abfotografiert: Eine Zeichnung  mit der Lage der Steine bei Auffindung. Kleiner Schönheitsfehler: Der Maßstabsbalken rechts unten ist falsch beschriftet. Es handelt sich wohl um eine Zeichnung im Maßstab 1:10 auf Millimeterpapier. Entsprechend hat der Maßstabsbalken eine Länge von 0,5 Meter, nicht 5 Meter!

Das sieht nun doch nach den Resten eines Großsteingrabes aus.  Die von Dr. Wallbrecht (Stadtarchäologe Wolfsburg/Kreisarchäologe Gifhorn) auf der neuen Tafel formulierte Vermutung, dass es sich hierbei nicht um einen sogenannten Dolmen gehandelt haben wird, sondern eher um den Rest einer ehemals längeren Kammer, erscheint angesichts des Planes sehr plausibel. Vielleicht gibt es ja doch noch das eine oder andere interessante Detail in Niquets Unterlagen. Ich denke da auch an seine berüchtigten Notizhefte, die sich im Archiv des Braunschweigischen Landesmuseums in Wolfenbüttel befinden. Wie weiträumig wurde das Umfeld untersucht? Gab es tatsächlich keine Bodenverfärbungen, die die Standspuren weiterer, längst entfernter Steine anzeigen könnten? Keine Reste eines Rollstein- oder Bruchsteinpflasters, wie es häufig den Boden einer Kammer bedeckt? Ich hege die geheime Hoffnung, dass im Zuge der Vorbereitung für "Monumente II" sich jemand der Unterlagen annimmt.

Meine reizende "Assistentin" Julia. - Es war nicht warm an diesem Tag.

Wir können annehmen, dass sich in der Umgebung der inzwischen bekannten Großsteingräber im Norden des Braunschweiger Landes einst noch weitere solche Anlagen befanden. Ein Großsteingrab kommt selten allein. Und wir dürfen hoffen, dass sich Spuren solcher weiterer Gräber noch im Boden erhalten haben, die vielleicht irgendwann ans Tageslicht kommen. 
Man muss sie dann nur rechtzeitig erkennen!
Also: DIE AUGEN OFFENHALTEN!
Und, liebe Archäologen, bitte nicht vierzig Jahre warten, bis mal ein Grabungsplan veröffentlicht wird!

Lothar Jungeblut, Braunschweig, Februar 2010.


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