- persönliche Erlebnisberichte von der Ausgrabung am vorgeschichtlichen Burgwall bei Isingerode -

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MYTHOS UND LOGOS

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Foto: Bärbel Steinmetz

Folge 6: Pfingsten

Wichtige Meldung:
Am kommenden Wochenende 29. und 30. Mai 2010
finden in Isingerode keine Ausgrabungen statt!

Am 5. und 6. Juni wird regulär weiter gegraben.

Arbeitsbedingungen:

Am Samstag war das Wetter trüb, am Sonntag so sonnig, dass sich die meisten Teammitglieder einen Sonnenbrand zugezogen haben. Für Pfingstmontag war Regen vorhergesagt. Morgens regnete es zwar in Strömen, bei Grabungsbeginn (um zehn Uhr) schien aber die Sonne. Am späten Mittag kam ein heftiges, aber kurzes Gewitter über uns. Die Grabungsbedingungen waren damit insgesamt gut, sieht man davon ab, dass nach dem Montagsgewitter ein Teil der Flächen sehr klebrig wurde. Das Team war in wechselnder Besetzung zwischen acht und zehn stark. Zu den Arbeitsbedingungen im weiteren Sinn gehört auch die Verpflegung. Am Samstag wurde gegrillt, am Sonntag gab es ein von Archäologiefreundin Gabi großartig vorbereitetes Sushi. Ich bin normalerweise kein Fan von fernöstlichem Krams (in jeder Beziehung), aber dieses Sushi sah einfach sehr lecker aus und mir schmeckte es besser als in einem japanischen Restaurant in Braunschweig, in das mich mal ein paar Freunde gezerrt hatten. Richtig gut!

Befunde:

Die folgenden Absätze sind soetwas wie ein "Selbstgespräch" über Details bzw. offene Fragen der Befundsituation. Vielleicht ist das eher unverständlich und der eine oder andere Leser möchte das lieber → → überspringen .

Ich habe mir eine grobe Skizze gemacht.
Nummer 1: Etwa die Hälfte der Fläche ist bedeckt von Brandschutt des Walles, wobei wir ersteinmal die jüngste Brandschicht ("B1") freigelegt haben. Den Verlauf dieser Schicht können wir nach den Profilen aus dem alten Schnitt abschätzen. (Siehe die beiden Fotos unten aus dem vergangenen Jahr.)
Nummer 2: Hier stimmt irgendetwas nicht. Die Brandschicht setzt scheinbar aus, ist gestört. Vermutung: Dies hat nichts mit der vorgeschichtlichen Bebauung, sondern mit der neuzeitlichen Einebnung des Walles in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun.  Mir ist das erstmal ein Fragezeichen wert.

Blick auf das Westprofil  55-60N im alten Schnitt.

Blick von Südost auf die Profile im alten Schnitt, an die die neue Ausgrabungsfläche anschließt.

Nummer 3: Etwa 90 cm unter heutiger Oberfläche setzt hier eine sehr dunkle, lehmige, fundreiche Schicht ein. Darin liegen auch auffällig viele größere Steine. ("Größer" meint hier: Etwa faustgroß.) Es ist noch nicht ganz sicher, ob es sich dabei um eine "Siedlungsschicht" oder um mehrere Gruben handelt. Das wird sich ergeben, wenn bei Nummer 4 die entsprechende Tiefe erreicht ist. Vermutlich gibt es dann eine Verbindung zwischen 3a und 3b. In den beiden Ecken des alten Schnittes, die hier mit 3c und 3d markiert sind, war ein Materialwechsel im Boden zu beobachten, der mit dem Einsetzen dieser Schicht zu tun haben könnte. Es sieht auch so aus, als ob die mutmaßliche Siedlungsschicht teilweise vom Brandschutt von B1 überdeckt wird. Dafür gibt es zwei Fragezeichen: Wie genau ist die (dreidimensionale) Ausdehnung dieser Schicht und wie ist das stratigrafische Verhältnis zu den Schichten im Wallsockel?

(60-67N) Die blaue Leine ist die 65 Meter Linie. Im Hintergrund das Westprofil. Rechts der Leine in dem Winkel der dunkle, lehmige Boden, mutmaßliche Siedlungsschicht (in der Skizze 3b), nach links ein allmählicher, unscharfer Übergang zu dem fleckigen Brandschutt aus Holzkohle, rot gebrannter Erde und heller Asche.

Nummer 5: Noch ein Fragezeichen. Beim Abtrag auf 70 cm unter heutiger Oberfläche wird hier gelber Kies angekratzt. Der gehört hier überhaupt nicht hin! Das Material ähnelt einerseits dem gewachsenen Boden, den wir hier aber erst in 1 m 40 Tiefe erwarten, andererseits ist solches Material beim Wallbau verwendet worden, in einer Bauphase vor der Brandkatastrophe "B2". Das dürfte aber, wenn man die alten Wallprofile verlängert, erst sieben Meter weiter östlich auftreten. 
Nummer 6: Auch beim Abtrag auf 70 cm unter heutiger Oberfläche ist im Quadranten 70-75N/5-10E eine sehr hohe Funddichte an Keramikbruch festzustellen, aber keine Befundgrenze. Der überall sehr gleichförmige Boden ist allerdings stark mit bis zu faustgroßen Steinen durchsetzt. Diese liegen teilweise dicht an dicht, so dass der Eindruck eines (allerdings unregelmäßig gestörten) Steinpflasters entsteht. Weil der Boden oberhalb und unterhalb dieser Steinlage aber gleich aussieht, möchte ich hier nicht an eine vorgeschichtliche Struktur denken. Es ist eher zu vermuten, dass bei der neuzeitlichen Einebnung des Walles Siedlungsschichten und Wallmaterial stark miteinander vermischt wurden. In irgendeiner Phase des Wallabtrags wurden dann die uns ja aus dem Wallsockel bekannten Steinpflaster abgepflügt und auf die Innenfläche verrissen. Das ist natürlich nur so eine vorläufige Idee. Dafür spricht der Fund eines stark korrodierten Eisennagels in diesem Abtrag.

Funde:

Allüberall Keramikbruch. Hier einige Beispiele aus dem Quadranten 70-75N/5-10E. Ohne erkennbaren Befundzusammenhang, Abtrag 70 cm unter heutiger Oberfläche (siehe oben Nummer 6).

Von ganz anderer Stelle: Als besonderen Fund kann man das im Foto links gezeigte kleine Bronzefragment werten. Es stammt aus der dunklen, mutmaßlichen Siedlungsschicht, 1 m 20 unter heutiger Oberfläche. Die Schicht enthält außerdem viel Keramikbruch und mehrere große, leider sehr schlecht erhaltene Tierknochen. Das Fundspektrum sieht sehr nach "Siedlungsmüll" aus. Die Keramik läßt sich nicht sicher einordnen, weil bisher Stücke mit ganz eindeutigen Merkmalen fehlen. Deshalb hier auch kein Foto. Als grobe Einschätzung vermutet der Grabungsleiter, eine Datierung in einen älteren Besiedlungsabschnitt, also noch die jüngere Bronzezeit. Wer das Material unter der Kelle gehabt hat, der wird vielleicht sagen: Das "fühlt" sich genauso an, wie das Material aus der Verfüllung des äußeren Grabens. Warum sind die Knochen hier nicht so gut erhalten? Wenn der Datierungsansatz stimmt, liegen sie eben schon ein paar Jahrhunderte länger im Boden.
Ich muss noch wiederholen - und ich werde das immer wieder tun - dass unter hunderten von Scherbenfunden im neuen Schnitt bisher keine einzige Merkmale der im großen Graben festgestellten Nachnutzungsphase (um Christi Geburt) gezeigt hat.

Geplante Prospektion:

Unser bisheriger Ausgrabungsschnitt liegt auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche entlang eines Waldstreifens, der als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist. Die Grundeigentümer, Familie Meyer aus Hornburg, gestatten uns dankenswerter Weise, unsere Ausgrabungen am Rand der Wirtschaftsfläche durchzuführen. Der größere Teil der Innenfläche der Befestingungsanlage aber liegt eben in dem Waldstreifen, also in Landschaftsschutzgebiet. Das Zentrum der Befestigungsanlage, potentiell mit wissenschaftlich wertvollen Befunden bzw. Strukturen kann durch übliche Prospektionsmaßnahmen, (Luftbildarchäologie und Geophysik mit Meßwagen) nicht erfasst werden. Ein Eingriff in das Landschaftsschutzgebiet in Form einer Ausgrabung ist nur sinnvoll und durchsetzbar, wenn aufgrund von Prospektionsergebnissen feststeht, an welchen Stellen mit kleinflächigen Untersuchungen aussagekräftige Ergebnisse erzielt werden können. Wie gesagt: Durch den Wald kann man keinen Meßwagen schieben, und in Luftbildern wird man nur den Wald, aber keine archäologisch interessanten Strukturen erkennen.
Es ist nun gelungen, einen Master-Kandidaten des Instituts für Geophysik und extraterrestrische Physik der TU Braunschweig dafür zu gewinnen, dass er geeignete Prospektions- bzw. Messmethoden entwickelt. (Bis zur leidigen "Bologna-Reform" hätte man gesagt: Hier entsteht eine Diplomarbeit.) Dies ist der Initiative von Archäologiefreund Prof. Dr. Joachim Block und der Unterstützung durch seinen Kollegen Prof. Dr. Hördt zu danken. Falls die geplanten Messungen aussagekräftige Ergebnisse haben, wäre es möglich, mit gezielten, kleinflächigen Ausgrabungen einen hohen Erkenntnisfortschritt zu erreichen. Vorrausgesetzt, die zuständige Behörde erteilt die Genehmigung für einen Eingriff in das Landschaftsschutzgebiet. In Anbetracht der Tatsache, dass es hier einerseits um interdisziplinäre Grundlagenforschung geht, andererseits kaum eine Beeiträchtigung der Fauna und Flora erfolgt, dürfen wir hier auf den Zuspruch der Entscheidungsträger hoffen.
Die ursprüngliche Ausschreibung für dieses Projekt (damals noch als "Bachelorarbeit" ausgeschrieben, wegen des hohen Anspruches aber inzwischen als "Masterarbeit" eingestuft) ist hier nachzulesen:
http://www.igep.tu-bs.de/bachelor/Isiburg_bachelor.pdf
Falls der Link nicht mehr funktioniert, habe ich das Dokument → hier ← gespiegelt.

Nächste Woche ist - wie gesagt - "grabungsfrei". Entsprechend geht es auf dieser Seite erst in vierzehn Tagen weiter.     


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