- persönliche Erlebnisberichte von der Ausgrabung am vorgeschichtlichen Burgwall bei Isingerode -

← zurück zur Hauptseite
MYTHOS UND LOGOS

← zurück zur 
vorigen Folge

→ weiter zur
nächsten Folge

↓ springen zu

Isingerode 2009

Isingerode 2008

Isingerode 2007

Isingerode 2006

Keramik aus der Brandschicht 2

Schauen wir mal etwas näher auf Keramik. Im Zusammenhang mit der Brandschicht, die wir als "B2" bezeichnen, haben wir mehrfach größere Teile von Gefäßen gefunden. Ein einfacher, grobkeramischer Becher ("Uwes Becher") war vollständig erhalten. Eine kleine Schale ist mittlerweile vom Restaurator des Museums rekonstruiert. Eine größere Schale ("Angelikas Sahneschüssel") ist fast vollständig erhalten gewesen. Zwei größere Gefäße haben mich zur Weißglut gebracht, weil zwar alle Teile zur vollständigen Rekonstruktion des Gefäßprofils vorhanden waren, aber bisher kein Klebstoff in der Lage war, das Gewicht der großen Teile dauerhaft zu verbinden. 

1) größere Schale aus Isingerode, Brandschicht "B2", ca. 20 cm Durchmesser, kannelurenverzierte Schulter,  2) kleinere Schale aus derselben Schicht, 3) mir zufällig untergekommene Zeichnung eines Vergleichsstücks zur großen Schale in dem betagten Werk ENGEL: Vorzeit an der Mitelelbe, Burg 1930, S.281, Fundort Thale (Kr. Quedlinburg), von Engel seinerzeit eingeordnet als Periode-V-zeitlich. 

In der Kampagne des letzten Jahres kamen nun erneut große Teile eines größeren Gefäßes hinzu - bei denen wiederum keine Chance besteht, sie an einigen kritischen Stellen dauerhaft ohne Stützkonstruktion zu kleben. Ich möchte hier eine zeichnerische Rekonstruktion versuchen. Wer die Geduld hat, mag mir folgen, mich auch anschließend gegebenenfalls kritisieren. Es ist vielleicht unüblich viel Geschreibe um ein einzelnes Gefäß. Interessierte mögen erkennen, dass es ein hartes Geschäft ist. Es bleibt ein Versuch.
Zunächst der Befund. Reste des Gefäßes befanden sich im Abtrag einer massiven Brandschicht, teilweise in rot-orange gebrannter Erde, teilweise in darüberliegender weißer Asche, teilweise auch bis in die darüberliegende Holzkohleschicht. Während ein Teil des Gefäßes beim Schichtabtrag geborgen wurde, verblieb ein anderer Teil in der Profilwand, was die Zuordnung zum Brandhorizont "B2" deutlich macht. Nach der Dokumentation des Profils wurden diese Teile entnommen. Sie lagen dicht an dicht bis 40 cm in die Profilwand.


Westprofil bei 54N mit Fundsituation des hier behandelten Gefäßes.

Beschriftet: Die Gefäßreste in Verlängerung der klar erkennbaren Holzkohle von Brandschicht 2, deutlich unterhalb von Brandschicht 1.


Vom Bodenansatz bis zum Schulteransatz sind viele anpassende Teile vorhanden. Von der eigendlichen Schulter ("Sollbruchstelle" am Schulterumbruch) und vom Gefäßhals nur wenige. In dem Scherbenkomplex fand sich nur eine einzige Randscherbe, deren Zugehörigkeit wegen der um etwa einen Millimeter stärkeren Wandung fraglich ist. Sie ließ sich nirgends anpassen, könnte aber von der Machart her zu dem Gefäß gehören.
Beobachtungen: Zum Boden hin wird die Bearbeitung der Gefäßoberfläche gröber. Auf den unteren zehn Zentimetern erkennt man Fingerverstrichspuren, wobei das Gefäß innen und außen sonst gut geglättet ist. Der Boden ist leicht abgesetzt. Am Rand des Bodens ist die Verarbeitung so grob, dass man annehmen muss, dass Gefäß sei nicht längere Zeit in Gebrauch gewesen oder zumindest nicht häufig bewegt worden, sonst hätte sich der Bodenrand abgestoßen und gerundet. Die Kanneluren auf der Gefäßschulter setzen erst auf dem Schulterumbruch an. Da das Gefäß hier eine "Sollbruchstelle" hat, ist die Schulterverzierung nicht ganz sicher zu rekonstruieren. Es scheint, dass die etwa fingerbreiten Kanneluren Gruppen von ca. 22-25cm Breite bilden, dazwischen für ca. 15 cm aussetzen. Wenn das Randstück (Abb. 8) zu dem Gefäß gehört, dann muss der Hals relativ hoch und im oberen Bereich deutlich steiler gewesen sein, als bei dem sicher rekonstruierbaren Teil des Gefäßes.
Sehen wir uns erstmal ein paar Fotos an:


Die Unterseite des Gefäßes, vom Boden bis zum Schulterumbruch - "Schulterabbruch".

Anpassung von Scherben, Schulter mit Kannelurenverzierung bis zum Hals.


Vom Boden bis zum Hals: Profilfoto.

Unterbrechung zwischen Kannelurengruppen.


Gefäßboden - nicht ganz kreisförmig.

Mögliche, aber nicht anpassende Randscherbe.



So könnte es ausgesehen haben. (Nicht meckern. - Ich weiß, dass man in einer wissenschaftlichen Zeichnung auch die Ränder der Einzelscherben einzeichnet, das Gefäßprofil nochmal mit Wandungsstärke zeichnet usw..)
Wie datiert das nun? Na, die Beantwortung dieser Frage überlasse ich mal den Fachleuten. Meine Handbibliothek und meine Erfahrung sind nicht groß genug, als dass ich mich hier aus dem Fenster lehnen möchte. Sieht aus, wie schonmal gesehen. Aber in welchem Buch? Jüngere Bronze- oder beginnende Eisenzeit? Irgendwo da. Wo ist diese Typentafel? Und ist die noch aktuell?
Die Datierung von Funden und Befunden sind das A und O. Erst danach kann man weitergehende Betrachtungen anstellen. Unser Zerstörungshorizont, Brandhorizont "B2" kann ein wichtiger Leithorizont für weitergehende Interpretationen sein - nicht nur für Isingerode, sondern für (mindestens) das Verständnis der regionalen, mittel- und norddeutschen Vorgeschichte. 


Eines ist sicher: Isingerode bleibt spannend. Sowohl die Auswertung, als auch die weiteren Grabungen.

↑ zurück zum Seitenanfang