- persönliche Erlebnisberichte von der Ausgrabung am vorgeschichtlichen Burgwall bei Isingerode -

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MYTHOS UND LOGOS

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Isingerode 2009

Isingerode 2008

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Isingerode 2006

Meldungen aus der Winterpause

07.02.10: Der Schnitt liegt unter einer dicken Schneedecke im Winterschlaf.

7. Februar 2010: Der "neue Schnitt" liegt in tiefem Winterschlaf.
Als wir ihn am 15. November 2009 verließen, hatten wir alles gut verpackt:


Unsere Grabungsmannschaft vom 15.11.2009: Uwe, Bärbel, Achim, Angelika, Michael, Lothar, Gabi, Gisela, Ingrid und Wolf-Dieter.

Am Osterwochenende wird die Ausgrabungskampagne 2010 starten. Wir werden einfach dort weitermachen, wo wir im November stehengeblieben sind. Ja, aber wo stehen wir eigendlich?

Im August vergangenen Jahres wurden die Untersuchungen im Schnitt durch die Befestigungslinie (Wall und Gräben) abgeschlossen. Der alte Schnitt wurde darauf verfüllt.
Auf der Vollversammlung der "Freunde der Archäologie" am 11. Februar erläuterte Grabungsleiter Wolf-Dieter Steinmetz den Stand der Ausgrabung.
Die Auswertung der geborgenen Funde und dokumentierten Befunde schreitet dabei voran. 

"Germanisches":
Besonders weit gediehen ist Bearbeitung der Funde aus der "germanischen" Nachnutzungsphase, die weiterhin nur in der Verfüllung der jüngsten Ausbauphase des großen inneren Grabens nachgewiesen werden kann. Das keramische Fundgut, das vom Boden dieser Ausbauphase des Grabens stammt, enthielt eine größere Zahl von Scherben, die charakteristische Merkmale des Großromstedter Horizonts aufweisen. Nach der Bearbeitung des Materials durch Wolf-Dieter Steinmetz ergab sich, dass hier eine sehr eng eingegrenzte Datierung in die Stufen Großromstedt 2 und 3 möglich ist. Dies entspricht den Stufen LaTène D 2 bis Kaiserzeit B 1a - grob 20 v.Chr. bis 20 n.Chr.. Wolf-Dieter Steinmetz wies auch auf folgende Beobachtung hin: Nach den Luft- und Magnetbildern gibt es mindestens zwei Übergänge über den großen Graben mit Bezug zu Torsituationen im spätbronzezeitlichen Wall. Offensichtlich sind diese Übergänge nie abgebrochen worden, auch nicht, als mehrere Jahrhunderte später der sicher schon zum großen Teil verfüllte Graben erneuert wurde.

Mir persönlich gibt das erneut Anlass, über den äußeren Graben nachzudenken. Welche Situation finden die "germanischen" Neusiedler vor?  Der äußere Graben dürfte für sie kaum noch erkennbar gewesen sein. Er wurde definitiv noch in der frühen Eisenzeit vollständig verfüllt. Der innere Graben aber soll noch so weit erkennbar gewesen sein,  dass auch die Übergänge noch erkennbar waren. Das bedeutet für mich: Weder der innere Graben, noch der dahinter liegende Wall sind zu irgendeinem Zeitpunkt vollständig eingeebnet gewesen. Auch nicht während des Ausbaus des äußeren Grabens. Welchen Sinn macht überhaupt die Verlegung der Verteidigungslinie nach außen? Ein Gewinn an Bauplatz innerhalb der Befestigung ist nicht erzielt worden. Der Innenraum wurde lediglich um einen ca. 20 Meter breiten Streifen mit starkem Gefälle vergrößert.  Sollte sich hier aber während der Nutzung des äußeren Grabens gewissermaßen eine bebaute Terasse befunden haben, haben wir keine Möglichkeit, das jemals nachzuweisen, da alle Befunde durch die Erneuerung des Grabens in germanischer Zeit zerstört wurden.


Turbanrandschale:
Auch die Auswertung der Funde und Befunde aus der Hauptnutzungsphase (jüngere und späte Bronzezeit) gehen weiter. Teilweise angeregt durch den Austausch mit zwei Kolleginnen, die gerade jüngerbronze- und früheisenzeitliches Material aus Sachsen-Anhalt aufarbeiten, konnte Wolf-Dieter Steinmetz einige Funde neu bewerten, die nun besser in das Gesamtbild passen.
Außerdem hat bei der laufenden Durchsicht des Fundstoffes unser Chef u.a. ein Fragment einer sogenannten "Turbanrandschale" identifiziert. (Sorry, ich habe noch kein Foto davon.) Diese besondere Gefäßform ist für unsere Region untypisch. Sie verweist auf Kontakte zur nordöstlich benachbarten den Elb-Havel-Gruppe. 

Da mir der Begriff "Turbanrandschale" zwar schon einige Male begegnet war, ich aber keine konkrete Vorstellung damit verbinden konnte, versuchte ich, der Sache nachzugehen. Dabei musste ich feststellen, dass der Begriff für zwei völlig unterschiedliche Gefäßformen verwendet wird. Beiden ist lediglich gemeinsam, dass es sich um eher flache Gefäßformen handelt, deren Rand mit schrägen Riefen oder Kanneluren verziert ist.
Bei der eine Form handelt es sich um eine Schale mit eingezogenem Rand. (Vergleiche dazu RÜCKER: Das spätbronze- und früheisenzeitliche Gräberfeld von Eisenhüttenstadt, Bonn 2007, S. 60ff, vollständig online unter folgender Internetadresse:
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=98448213x&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=98448213x.pdf
Die andere Form ist einem Suppenteller mit breitem, horizontalem Rand nicht unähnlich und weist oft eine reiche Innenverzierung auf, sowie zwei sich gegenüberliegende Lochpaare unterhalb des Randes.
Dazu beispielsweise PETERS: Die jüngstbronze- bis ältereisenzeitliche Siedlung Wustermark FPl. 14, Lkr. Havelland, Köln/Hamburg 1999, S. 76ff, ebenfalls vollständig online unter:
http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2003/974/pdf/Teil_I_Text.pdf (Text)
http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2003/974/pdf/Teil_III_Katalog_und_Tafeln.pdf (Katalog und Tafeln)
Um die beiden Gefäßformen zu unterscheiden, spricht HESKE: Die Hünenburg..., Neumünster 2006, S.70 die erstere Form als "Turbanrandschale", die zweitere als "Turbanrandteller des Havel-Oder-Raumes" an. (Den Heske gibt es nicht online, den hat "man" im Bücherregal... )

Naturwissenschaftliche Datierung:
Wie schon mehrfach berichtet, beprobt Frau Dr. Elisabeth Schnepp unsere Befunde zur Weiterentwicklung der Datierungsmethode der Archäomagnetik. Werte aus Isingerode liegen dabei bisher im "Cluster" der Daten von anderen spätbronzezeitlichen Fundstätten, v.a. Rodenkirchen. Als Gegenprobe lässt Frau Dr. Schnepp u.a. 14-C Datierungen durch das AMS-Labor Erlangen durchführen. Ein erstes 14-C Datum für unsere "Brandschicht 2" (aus der ja auch gut erhaltene Keramik vorliegt - → siehe hier) lag allerdings um 500 Jahre älter, als die vorläufige typochronologische Datierung der Keramik aus dieser Schicht. Nun liegt ein zweites 14-C Datum aus Brandschicht 2 vor.
Das Ergebnis einer 14-C-Datierung ist nicht ein Datum im Sinne von "Hier brannte es im Jahr 837 vor Christus". Man erhält eine Gruppe von sich z.T. überlappenden Zeiträumen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsangaben. Die neue Probe aus Brandschicht 2, und ich erwähne hier nur die höchste Wahrscheinlichkeit, datiert (kalibriert):
1001 bis 820 v.Chr. mit 95,4% Wahrscheinlichkeit.
Aufgrund von einzelnen Scherben mit charakteristischen Merkmalen, deren Auftreten Wolf-Dieter Steinmetz erst ab der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts für möglich hält, erscheint dieses Datum zwar etwas zu alt, die Abweichung ließe sich aber unproblematisch durch den sogenannten Kernholzeffekt erklären. Die Tatsache, dass zwei 14-C Daten, die aus dem gleichen Befund stammen, so unterschiedlich ausfallen, mahnt zur Vorsicht gegenüber 14-C-Datierungen. Größere Sicherheit gewinnt man vor allem, in dem man eine Serie von Daten nimmt, vielleicht fünf, so dass man offensichtliche "Ausreißer" eliminieren kann. Das aber ist natürlich sehr kostspielig.
Ein weiteres Datum liegt nun vor für den ältesten erkennbaren Zerstörungshorizont im Wall, den wir Brandschicht 4 nennen. Das Keramikmaterial wird hier bisher bei noch nicht abgeschlossener Auswertung von Wolf-Dieter Steinmetz nach HA A bis B1 bzw. P IIIb bis V früh eingestuft. Das entspräche einer groben Datierung ins 12. bis 10. Jahrhundert vor Christus.
Das 14-C-Datum (kalibriert): 1135 bis 922 vor Christus mit 84,5% Wahrscheinlichkeit.
Hier stimmen beide Datierungsmethoden überein.
Vielleicht wird auch noch eine Thermoluminiszenzdatierung von Frau Dr. Schnepp für Brandschicht 2 beauftragt. Auch sind mehrere Holzproben für den Versuch einer Dendrodatierung  von uns geborgen worden. Ich bin aber sehr skeptisch, ob diese Proben geeignet sind.
Zusätzlich hat unser Chef Wolf-Dieter Steinmetz Gelder für 14-C-Datierungen an den doch umfangreich im Fundgut vorhandenen Tierknochen beantragt. 14-C-Datierungen an Knochen gelten in jüngerer Zeit als genauer.

Der neue Abschnitt: Innenraum
Im September wurde mit ein neuer Abschnitt begonnen. Der neue Schnitt verlängert die alte Fläche um 15 Meter nach Norden, also in den ehemaligen Innenraum der Befestigungsanlage. Die Ausgrabungsfläche orrientiert sich an den heutigen Geländegegebenheiten, unter der Maßgabe, einerseits nicht in das angrenzende Landschaftsschutzgebiet einzugreifen, andererseits die landwirtschaftliche Nutzung so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Deshalb wurde der alte Schnitt nicht in rechtem Winkel durch die Befestigungslinie gelegt, sondern schneidet diese in 45 Grad.  Entsprechend ragen die bekannten Wallversturzschichten noch zum Teil in die neue Fläche und der stratigrafische Aufbau etwa eines Drittels der neuen Fläche ist durch die Profile im alten Schnitt grob bekannt.
Im vergangenen Jahr konnte der Verlauf der Brandschicht 1, also des bisher jüngsten nachweisbaren Zerstörungshorizontes weiter in den Innenraum und in die Tiefe verfolgt werden. Leider liegen bisher weiterhin nur wenige und kaum aussagekräftige Funde aus der Brandschicht 1 (kurz "B1") vor. Oberhalb von B1 ist als einziger Befund die flächige Fortsetzung eines Pflasters aus Rollsteinen, das ebenfalls schon im alten Schnitt erkennbar war, festzustellen. Das Pflaster liegt direkt auf der Brandschicht. Es ist also vermutlich auch unmittelbar nach der Brandkatastrophe angelegt worden. Leider lassen sich auch der Bauphase "jüngstes Pflaster" (ich habe gerade nicht parat, ob es als "S1" oder gar "S0" bezeichnet ist) bisher kaum datierende Funde zuordnen. 

Von rechts unten nach links oben: Holzkohle, Asche, Steinpflaster.

Das Ganze von der Seite (Foto von einem der letzten Grabungstage 2009): Das Steinpflaster, das wir aus dem kleinen, bereits in der letzten Kampagne untersuchten Dreieck kennen.

Oberhalb des Pflasters, das zur Innenfläche abfällt, ist eine bis zu einen Meter mächtige, undifferenzierte Deckschicht zu erwarten, die vermutlich durch jahrhundertelanges, allmähliches Abpflügen des Wallmaterials entstanden ist. Bis in eine Tiefe von 60 cm ist diese in drei der sechs Quadranten bereits abgetragen.
Bald, hoffentlich sehr bald nach Beginn der neuen Kampagne,  sollten wir auf Grubenbefunde und ähnliches stoßen, die uns mit etwas Glück differenzierte Aussagen über die Nutzung des Innenraums der Befestigung erlauben. Sechs Wochen noch - dann geht es weiter!
 

→ weiter zu Keramik aus Brandschicht 2 (Extraseite)

→ weiter zur nächsten Folge: Auftakt der Grabungssaison 2010

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