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Neulich stolperte ich in einem älteren Aufsatz über die Aussage, dass
am Ende der Bronzezeit "die Helmsdorfer Gruppe dann in einem
Katastrophenhorizont ihr Ende findet".
(Berthold Schmidt: Die
jungbronzezeitlichen Stämme im Elbe-Saale-Gebiet; in Coblenz/Horst:
Mitteleuropäische Bronzezeit, Berlin 1981, S.121-136, hier: S.127.)
Unser Burgwall in Isingerode liegt am Rand der Helmsdorfer
Gruppe, wie sie Schmidt definierte - auch wenn es inzwischen
üblich zu sein scheint, das ganze Nordharzvorland der
Saalemündungsgruppe zuzuschlagen, und die Helmsdorfer nicht mehr
davon zu unterscheiden. Und wir haben einen Katastrophenhorizont, der
sich wunderbar vor uns ausbreitet. Besonders auf der Innenseite des
Walles.
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Direkt hinter dem Gefäß, das wir im Block geborgen
hatten (siehe →hier), kamen große Scherben weiterer
Gefäße dicht an dicht zum Vorschein. An einer Stelle (roter
Pfeil) hat man fast den Eindruck man sieht, wie der Topf auf einen
Stein aufgeschlagen und daran zerbrochen ist. Achim Block hatte all
diese Scherben an mehreren Wochenenden nach und nach mit
größter Vorsicht freigelegt. Leider wurde dabei bereits
erkennbar, dass das Material äußerst brüchig war. Und
obwohl wir die Scherben mit einem Härtungsmittel getränkt
hatten, das uns der archäologische Restaurator des Landesmuseums
besorgt hatte, zerlegten sich beim Aufnehmen besonders die
großen, waagerecht liegenden Scherben in viele Einzelteile.
Aber das kriegen wir über den Winter alles wieder zusammengesetzt.
Nur einen knappen Meter weiter (blauer Pfeil) gelang dann Uwe Pingel, ein
tatsächlich unbeschädigtes Gefäß aus der gleichen
Schicht freizulegen. Der etwa 10cm hohe, handliche Becher verdankt
seine Erhaltung sicherlich seiner schlichten und kompakten Form, sowie
der Tatsache, dass er nicht auf die Seite, sondern auf den Kopf
gefallen ist, als hier vor 2700-2800 Jahren alles zusammenbrach. Nun
befürchte ich, dass dieser Becher uns bei der Datierung wenig
weiterhilft. Aber es könnte sein, dass sich in seinem Inneren
Spuren des ehemaligen Inhalts erhalten haben, und der Grabungsleiter
erwägt, eine chemische Analyse durchführen zu lassen. Sollte
die irgendein aussagekräftiges Ergebnis haben, wäre das
natürlich großartig.
Zurück zu den Datierungsmethoden:
2. 14-C Datierung: Für eine Datierung durch
Kohlenstoffisotopanalyse haben wir hier natürlich genug Material.
In der Zerstörungsschicht liegen ganze verkohlte Balken und
Bretter. Nun könnte es dummer Weise sein, dass wir zeitlich in
einem berüchtigten "14C-Plateau" landen. Das bedeutet: 14C-Proben
aus der frühen Eisenzeit lassen sich nur mit einer sehr
großen Ungenauigkeit datieren. Wir sprechen von Jahrhunderten.
Und wenn man in der Zusammenschau von mehreren befestigten Siedlungen
im Harzvorland einen "Katastrophenhorizont" erkennen will,
womöglich sogar einen Krieg (Wunschträume des Historikers)
ist dies natürlich viel zu ungenau. Zu der Idee eines
großräumigen Katastrophenhorizonts gegen Ende der Bronzezeit
sei zweierlei bemerkt: In Isingerode fassen wir mehr als eine
Zerstörungsschicht. Es ist die zweitjüngste, die besonders
aussagekräftige Funde und Befunde liefert. Und: Nach den Funden
aus dem äußeren Graben (siehe unten) gehen wir davon aus,
dass dieser Platz ohne längere Unterbrechung bis in die frühe
Eisenzeit weiter besiedelt blieb.
3. Die geophysikalische Datierung durch Frau Dr. Schnepp (siehe
→hier). Ob diese Methode in unserem Fall zu
aussagekräftigen Ergebnissen kommt, bleibt abzuwarten.
4. Dendrochronologische Datierung: Wir haben die Hoffnung, dass einige
der verkohlten Holzbalken für die Anwendung dieser Methode
geeignet sind. Als ersten Versuch haben wir einen Block Holzkohle mit
Epoxydharz eingegossen und dann geborgen. Hiermit hat sich vor allem
Achim Block beschäftigt. Sollte das Stück ungeeignet sein,
haben wir theoretisch noch mehrere weitere Stücke zur
Verfügung. Allerdings ist das ganze ziemlich aufwändig, und
ein Datierungsversuch im Labor ist recht teuer.
Wie dem auch sei. Mit diesem Zerstörungshorizont werden wir uns im
kommenden Jahr weiter beschäftigen. Und natürlich mit dem,
was darunter liegt!
Zum anderen Ende unseres langen Schnittes: In den letzten Wochen ist es
dann Michael doch noch gelungen, definitiv bis zur Sohle des
äußeren Grabens vorzustoßen, auch wenn hier die
Arbeiten noch nicht ganz abgeschlossen werden konnten. Dieser Graben
ist tatsächlich bis zur Sohle mit Siedlungsmüll der
frühen Eisenzeit verfüllt. Von den etwa viertausend Funden
(bei einer Schnittbreite von nur drei Metern) gehören nach der
ersten Durchsicht fast alle datierbaren Stücke in diese Epoche -
bis auf zwei möglicherweise ältere Ausreißer. Diese
beiden Scherben hatten nach meiner Erinnerung allerdings schon stark
abgeschliffene Bruchkanten. Der äußere Graben ist also nur
kurze Zeit, nachdem er ausgehoben wurde, nicht mehr benötigt und
dann als Müllkippe genutzt worden. Hier bleiben aber dann doch
noch ein paar Fragen offen: Schließt das Material aus der
Grabenverfüllung zeitlich nahtlos an die Keramik aus der
jüngsten Zerstörungsschicht im oberen Wallbereich an? Und:
Sieht dieser Graben, dessen Verlauf wir ja aus den Luf- und
Magnetbildern kennen, überall so - erfreulich - "zugemüllt"
aus? Vielleicht werden wir diesen Graben nochmal an anderer Stelle
schneiden. Zum Scherz haben wir überschlagen: Wenn Michael allein
den gesammten zugänglichen Rest dieses Grabens ausheben
wollte, wäre er bei gleichem Tempo am Ende an die 80 Jahre alt.
Nach seiner Pensionierung in etwa 22 Jahren könnte er
natürlich auch in der Woche graben, da wäre er vielleicht
dann doch schneller fertig...
Was mich am Ende dieses Grabungsjahres am meisten wurmt, ist, dass wir
den inneren Graben immernoch nicht bis zur Sohle erfasst haben.
Erkennbar ist, dass alle "germanischen" Funde, also die Keramik, die um
Christi Geburt datiert, aus der Verfüllung einer deutlich nach
außen verschobenen Ausbauphase des Grabens stammen. (siehe auch
hier) Diese Ausbauphase habe wir bis zur Sohle erfasst. Und da die
"germanischen" Funde bis zu der Sohle auftreten, müssen wir davon
ausgehen, dass die Siedlung in dieser Zeit erneut befestigt wurde. Die
weiter innen liegende Sohle der älteren und ältesten
Ausbauphasen haben wir noch nicht. Und wir benötigen noch mehr
datierbares Material aus den ältesten Auftragsschichten an der
inneren Böschung des Grabens. Wir wollen sicher sein, dass auch
die älteste über die Keramik fassbare Siedlungsphase bereits
befestigt war. Natürlich ist schlecht von der Hand zu weisen, was
unser Teamchef Wolf-Dieter Steinmetz sagt: Eine bäuerliche offene
Siedlung macht an diesem Ort, an dem man selbst mit moderner
Landwirtschaftstechnik nur magere Erträge erzielt (Aussage des
Grundbesitzers), wenig Sinn; ein befestigter Handelsplatz dagegen
schon. Aber wir wollen das auch sicher an datierten Befunden zeigen
können.
Das also ist unser erster Vorsatz für das kommende Jahr: Den
inneren Graben bis zur Sohle ausgraben und die älteste Schicht
datieren.
Die hervorragenden Magnetbilder von Dr. Schenk zeigen uns, wo weitere
Arbeit auf uns wartet: Der Durchlass im äußeren Graben
- mit einer Toranlage. Zu diesem Graben muss entsprechend auch eine
Befestigung gehört haben, wenn auch vielleicht nur eine Pallisade.
Bisher konnten wir sie nicht erfassen, denn unter der Pflugschicht lag
hier direkt gewachsener Boden. In unserem bisherigen Schnitt sind also
alle weiteren Spuren der äußeren Befestigung abgepflügt
bzw. wegerrodiert. Am inneren Graben sind mehrere Durchlässe
erkennbar. Und dann der eigendliche Innenraum der Befestigung: Da
warten sicher Siedlungsgruben, vielleicht Grubenhäuser und eine
merkwürdige sternförmige Struktur.
Nun aber ist ersteinmal Grabungspause, und die Funde der Kampagne
wollen aufgearbeitet werden. Wenn sich dabei etwas Interessantes
ergibt, werde ich darüber auf diesen Seiten berichten, seien es
Ergebnisse von naturwissenschaftlichen Untersuchungen oder Fotos von
den rekonstruierten Gefäßen.
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