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Lothars kleines Grabungstagebuch 2007
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
14. Folge

Das war's für 2007!





Am 10.11. haben wir beschlossen, die diesjährige Kampagne zu beenden und den 10. und 11. damit verbracht, den Schnitt winterfest zu machen.
Dabei waren die letzten Wochen überaus spannend und wir wissen schon genau, wo wir im kommenden Frühjahr weitermachen müssen.


Gerade in der oberen Teilfläche, also an der Innenseite des ehemaligen Walles liegt eine interessante Befundsituation vor, die wir noch lange nicht abschließend untersucht haben.

Neulich stolperte ich in einem älteren Aufsatz über die Aussage, dass am Ende der Bronzezeit "die Helmsdorfer Gruppe dann in einem Katastrophenhorizont ihr Ende findet".

(Berthold Schmidt: Die jungbronzezeitlichen Stämme im Elbe-Saale-Gebiet; in Coblenz/Horst: Mitteleuropäische Bronzezeit, Berlin 1981, S.121-136, hier: S.127.)

Unser Burgwall in Isingerode liegt am Rand der Helmsdorfer Gruppe, wie sie Schmidt definierte - auch wenn es inzwischen üblich zu sein scheint, das ganze Nordharzvorland der Saalemündungsgruppe zuzuschlagen, und die Helmsdorfer nicht mehr davon zu unterscheiden. Und wir haben einen Katastrophenhorizont, der sich wunderbar vor uns ausbreitet. Besonders auf der Innenseite des Walles.

Die ausgeprägteste dieser Zerstörungsschichten werden wir auch gut datieren können, und zwar möglicher Weise mit vier verschiedenen Methoden:

1. Keramik.
Nach erster Durchsicht der Funde durch den Grabungsleiter befinden wir uns mit dem Zerstörungshorizont am Übergang von der spätesten Bronze- in die ältere Eisenzeit. Gerade mit den Funden der letzten Wochen werden wir mehrere Gefäße vollständig rekonstruieren können, die alle aus der selben Schicht stammen. Damit sollten wir diese dann so sicher datieren können, wie das mit Siedlungskeramik machbar ist. An dieser Stelle nutze ich die Gelegenheit, um noch ein paar Fotos der letzten Wochen zu zeigen.

Direkt hinter dem Gefäß, das wir im Block geborgen hatten (siehe →hier), kamen große Scherben weiterer Gefäße dicht an dicht zum Vorschein. An einer Stelle (roter Pfeil) hat man fast den Eindruck man sieht, wie der Topf auf einen Stein aufgeschlagen und daran zerbrochen ist. Achim Block hatte all diese Scherben an mehreren Wochenenden nach und nach mit größter Vorsicht freigelegt. Leider wurde dabei bereits erkennbar, dass das Material äußerst brüchig war. Und obwohl wir die Scherben mit einem Härtungsmittel getränkt hatten, das uns der archäologische Restaurator des Landesmuseums besorgt hatte, zerlegten sich beim Aufnehmen besonders die großen, waagerecht liegenden Scherben in viele Einzelteile.  Aber das kriegen wir über den Winter alles wieder zusammengesetzt.
 Nur einen knappen Meter weiter (blauer Pfeil) gelang dann Uwe Pingel, ein tatsächlich unbeschädigtes Gefäß aus der gleichen Schicht freizulegen. Der etwa 10cm hohe, handliche Becher verdankt seine Erhaltung sicherlich seiner schlichten und kompakten Form, sowie der Tatsache, dass er nicht auf die Seite, sondern auf den Kopf gefallen ist, als hier vor 2700-2800 Jahren alles zusammenbrach. Nun befürchte ich, dass dieser Becher uns bei der Datierung wenig weiterhilft. Aber es könnte sein, dass sich in seinem Inneren Spuren des ehemaligen Inhalts erhalten haben, und der Grabungsleiter erwägt, eine chemische Analyse durchführen zu lassen. Sollte die irgendein aussagekräftiges Ergebnis haben, wäre das natürlich großartig.
Zurück zu den Datierungsmethoden:

2. 14-C Datierung: Für eine Datierung durch Kohlenstoffisotopanalyse haben wir hier natürlich genug Material. In der Zerstörungsschicht liegen ganze verkohlte Balken und Bretter. Nun könnte es dummer Weise sein, dass wir zeitlich in einem berüchtigten "14C-Plateau" landen. Das bedeutet: 14C-Proben aus der frühen Eisenzeit lassen sich nur mit einer sehr großen Ungenauigkeit datieren. Wir sprechen von Jahrhunderten. Und wenn man in der Zusammenschau von mehreren befestigten Siedlungen im Harzvorland einen "Katastrophenhorizont" erkennen will, womöglich sogar einen Krieg (Wunschträume des Historikers) ist dies natürlich viel zu ungenau. Zu der Idee eines großräumigen Katastrophenhorizonts gegen Ende der Bronzezeit sei zweierlei bemerkt: In Isingerode fassen wir mehr als eine Zerstörungsschicht. Es ist die zweitjüngste, die besonders aussagekräftige Funde und Befunde liefert. Und: Nach den Funden aus dem äußeren Graben (siehe unten) gehen wir davon aus, dass dieser Platz ohne längere Unterbrechung bis in die frühe Eisenzeit weiter besiedelt blieb.

3. Die geophysikalische Datierung durch Frau Dr. Schnepp (siehe →hier). Ob diese Methode in unserem Fall zu aussagekräftigen Ergebnissen kommt, bleibt abzuwarten.

 4. Dendrochronologische Datierung: Wir haben die Hoffnung, dass einige der verkohlten Holzbalken für die Anwendung dieser Methode geeignet sind. Als ersten Versuch haben wir einen Block Holzkohle mit Epoxydharz eingegossen und dann geborgen. Hiermit hat sich vor allem Achim Block beschäftigt. Sollte das Stück ungeeignet sein, haben wir theoretisch noch mehrere weitere Stücke zur Verfügung. Allerdings ist das ganze ziemlich aufwändig, und ein Datierungsversuch im Labor ist recht teuer.
Wie dem auch sei. Mit diesem Zerstörungshorizont werden wir uns im kommenden Jahr weiter beschäftigen. Und natürlich mit dem, was darunter liegt!


Zum anderen Ende unseres langen Schnittes: In den letzten Wochen ist es dann Michael doch noch gelungen, definitiv bis zur Sohle des äußeren Grabens vorzustoßen, auch wenn hier die Arbeiten noch nicht ganz abgeschlossen werden konnten. Dieser Graben ist tatsächlich bis zur Sohle mit Siedlungsmüll der frühen Eisenzeit verfüllt. Von den etwa viertausend Funden (bei einer Schnittbreite von nur drei Metern) gehören nach der ersten Durchsicht fast alle datierbaren Stücke in diese Epoche - bis auf zwei möglicherweise ältere Ausreißer. Diese beiden Scherben hatten nach meiner Erinnerung allerdings schon stark abgeschliffene Bruchkanten. Der äußere Graben ist also nur kurze Zeit, nachdem er ausgehoben wurde, nicht mehr benötigt und dann als Müllkippe genutzt worden. Hier bleiben aber dann doch noch ein paar Fragen offen: Schließt das Material aus der Grabenverfüllung zeitlich nahtlos an die Keramik aus der jüngsten Zerstörungsschicht im oberen Wallbereich an? Und: Sieht dieser Graben, dessen Verlauf wir ja aus den Luf- und Magnetbildern kennen, überall so - erfreulich - "zugemüllt" aus? Vielleicht werden wir diesen Graben nochmal an anderer Stelle schneiden. Zum Scherz haben wir überschlagen: Wenn Michael allein den gesammten zugänglichen Rest dieses Grabens  ausheben wollte, wäre er bei gleichem Tempo am Ende an die 80 Jahre alt. Nach seiner Pensionierung in etwa 22 Jahren könnte er natürlich auch in der Woche graben, da wäre er vielleicht dann doch schneller fertig...  

Was mich am Ende dieses Grabungsjahres am meisten wurmt, ist, dass wir den inneren Graben immernoch nicht bis zur Sohle erfasst haben. Erkennbar ist, dass alle "germanischen" Funde, also die Keramik, die um Christi Geburt datiert, aus der Verfüllung einer deutlich nach außen verschobenen Ausbauphase des Grabens stammen. (siehe auch hier) Diese Ausbauphase habe wir bis zur Sohle erfasst. Und da die "germanischen" Funde bis zu der Sohle auftreten, müssen wir davon ausgehen, dass die Siedlung in dieser Zeit erneut befestigt wurde. Die weiter innen liegende Sohle der älteren und ältesten Ausbauphasen haben wir noch nicht. Und wir benötigen noch mehr datierbares Material aus den ältesten Auftragsschichten an der inneren Böschung des Grabens. Wir wollen sicher sein, dass auch
die älteste über die Keramik fassbare Siedlungsphase bereits befestigt war. Natürlich ist schlecht von der Hand zu weisen, was unser Teamchef Wolf-Dieter Steinmetz sagt: Eine bäuerliche offene Siedlung macht an diesem Ort, an dem man selbst mit moderner Landwirtschaftstechnik nur magere Erträge erzielt (Aussage des Grundbesitzers), wenig Sinn; ein befestigter Handelsplatz dagegen schon. Aber wir wollen das auch sicher an datierten Befunden zeigen können.
Das also ist unser erster Vorsatz für das kommende Jahr: Den inneren Graben bis zur Sohle ausgraben und die älteste Schicht datieren.
Die hervorragenden Magnetbilder von Dr. Schenk zeigen uns, wo weitere Arbeit auf uns wartet: Der Durchlass im äußeren Graben  - mit einer Toranlage. Zu diesem Graben muss entsprechend auch eine Befestigung gehört haben, wenn auch vielleicht nur eine Pallisade. Bisher konnten wir sie nicht erfassen, denn unter der Pflugschicht lag hier direkt gewachsener Boden. In unserem bisherigen Schnitt sind also alle weiteren Spuren der äußeren Befestigung abgepflügt bzw. wegerrodiert. Am inneren Graben sind mehrere Durchlässe erkennbar. Und dann der eigendliche Innenraum der Befestigung: Da warten sicher Siedlungsgruben, vielleicht Grubenhäuser und eine merkwürdige sternförmige Struktur.

 Nun aber ist ersteinmal Grabungspause, und die Funde der Kampagne wollen aufgearbeitet werden. Wenn sich dabei etwas Interessantes ergibt, werde ich darüber auf diesen Seiten berichten, seien es Ergebnisse von naturwissenschaftlichen Untersuchungen oder Fotos von den rekonstruierten Gefäßen.

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→ Offizieller Zwischenbericht mit Stand vom Oktober 2006 auf der Webseite der "Freunde der Archäologie"

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