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Lothars kleines Grabungstagebuch 2007
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
11. Folge: 29. und 30. September


Am 28. und 29. September kam es in der Region zu schweren Regenfällen. Mehrere Gemeinden lösten Katastrophenalarm aus. Teammitglied Holger Steinmetz ist beim THW, war bis Sonntag Nachmittag im Hochwassereinsatz, und berichtete abends von diversen unter Wasser stehenden Dörfern. Unsere Ausgrabung in Isingerode hat dies leider nicht ganz unbeschadet, wenn auch wohl noch recht glimpflich überstanden. Am Samstag früh waren nur Ausgrabungsleiter Wolf-Dieter Steinmetz und ich auf der Grabung. Wir mussten feststellen, dass durch den Regen weitere Bereiche des Ostprofils und leider auch ein kleiner Teil unseres großartigen Westprofils (innerer Graben) abgerutscht waren. Nach einer Stunde im Dauerregen brachen wir völlig durchnässt und von den Schäden leicht frustriert ab.

***


Den Samstag wollten wir darum nicht als Grabungstag zählen, sondern statt dessen am Sonntag, der tatsächlich sonnig und trocken war, den offiziell

100. Grabungstag in Isingerode (seit Frühjahr 2006) 

begehen. 
Bis Sonntagabend hatten Gaby, Gisela und ich einen Teil des Schadens wieder beseitigt. (Foto links.)

Oh, Mann, auf zwei fleißig arbeitende Frauen kann man fast einen männlichen Eimerträgersklaven rechnen. Letzteres meine Aufgabe - und das waren über 120 Eimer. Nebenbei habe ich selbst natürlich auch mitgekellt, ein paar schöne Rand- und Bodenscherben gefunden, die leider völlig bedeutungslos sind, da sie sich in der Abbruchmasse nicht mehr ernsthaft stratigraphisch zuordnen lassen.



Kommen wir nun zum spannenderen Teil des Wochenendes:

Wir versetzen uns in das 8. Jahrhundert vor Christus. Im fernen Griechenland entstehen Grundlagen von soetwas wie einer "europäischen Leitkultur". Die griechische Alphabethschrift wird entwickelt, mit ihrer Hilfe werden die homerischen Großepen Ilias und Odyssee niedergeschrieben, die bis heute zurecht als Beginn der europäischen Literaturgeschichte betrachtet werden. Die ersten historisch verbürgten Olympischen Spiele haben in diesem Jahrhundert stattgefunden. Und wie sah es in dieser Zeit in unserer Weltgegend aus? Nun, etwa dreißig Kilometer südlich der heutigen Stadt Braunschweig, bei dem heutigen Dorf Isingerode, befand sich eine größere Siedlung. Der Kern dieser Siedlung war mit einem etwa zehn Meter breiten und an die vier Meter tiefen Graben befestigt, dahinter befand sich eine mächtige Holz-Erde-Mauer. Diese schwere Befestigung spricht einerseits für eine hervorgehobene Bedeutung des Platzes in jener Zeit, andererseits für einen hohen Organisationsgrad der Bevölkerung - und schließlich dafür, dass dies nicht unbedingt eine sehr friedliche Epoche war. Kaum hätten die Ur-Isingeröder sonst solchen Aufwand zu ihrem Schutz getrieben. Irgendwann geriet die Befestigung in Brand. Das mag auch durch einen Blitzschlag oder ein unbeaufsichtigtes Herdfeuer geschehen sein, aber uns erscheint doch sehr viel wahrscheinlicher, dass es im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen geschah.
Also: Die Festung brennt lichterloh, eine gewaltige Feuersbrunst, die über viele Kilometer hinweg sichtbar ist. Die Balken und Pfosten, die die Erdmassen des Walles halten sollen, geben nach. Der Wall bricht in sich zusammen und begräbt unter sich - ja was? Alles, was sich dort eben gerade so befand, was die Bewohner (Verteidiger?) dort hatten stehen und liegen lassen, als sie vor dem Feuer flüchten mussten.

Schon im vergangenen Jahr, als wir erste Teile der zusammengebrochenen, verkohlten Holzbalkenkonstruktion, umgeben von einer mächtigen Ascheschicht, freilegten, keimte die Hoffnung, dass wir in einem schmalen Streifen entlang der Innenseite des Walles soetwas wie einen kleinen "Pompeji-Effekt" vorfinden würden: Ein eingefrorener (na gut, wohl eher "verschütteter") Moment der Katastrophe. Und unsere jüngsten Beobachtungen geben dieser Hoffnung neue Nahrung.
Ich muss dazu noch voranschicken: Seit drei Jahren grabe ich unter Wolf-Dieter Steinmetz mit den Freunden der Archäologie. Wir haben in dieser Zeit tausende von Keramikfunden gemacht. Kleine und größere Scherben. Manchmal ließ sich aus anpassenden Scherben zumindest die ursprüngliche Form eines Gefäßes rekonstruieren. Aber noch nie haben wir ein auch nur annähernd vollständiges Gefäß gefunden. 
Am vorigen Sonntag kam nun in unserer abgebrannten Holzbalkenkonstruktion eine "Scherbe" zum Vorschein, die immer größer und größer wurde, bis wir eher der Ansicht waren, es handle sich weniger um eine Scherbe, als vielmehr um ein fast vollständiges Gefäß. Da die Gefäßwand bedenkliche Risse erkennen ließ, und sich auch bei vorsichtigstem Freilegen (zunächst durch Bärbel Steinmetz, dann durch Achim Block) nicht verhindern ließ, dass sich einige Teile (wenn auch schon alt gebrochen), aus dem Gefäßverbund lösten, wurde beschlossen, das Gefäß zunächst zu sichern und dann an diesem Wochenende ein sogenannte "Blockbergung" vorzunehmen.

Dieses Gefäß wurde nicht weggeworfen, wie der übliche Siedlungsmüll, den wir sonst finden, sondern ist zum Zeitpunkt der Brandkatastrophe genau an diesem Punkt umgekippt. Es steht halb auf dem Kopf. Der herabstürzende Schutt der Mauer hat dann den Boden eingedrückt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der hier fehlende Boden im Innern des Gefäßes finden wird, wenn im Museum der Block vorsichtig auseinandergenommen wird.
Eine Blockbergung nimmt man vor, wenn z.B. ein Objekt unter den Bedingungen vor Ort nicht vollständig freipräpariert und geborgen werden kann, ohne es weiter zu beschädigen. Statt das Objekt vollständig freizulegen, wird es, nachdem seine Dimensionen erkannt sind, mitsamt einem Block umgebender Erde freigelegt. Der Block wird zunächst mit Folie, dann mit eingeweichtem Papier o.ä. enganliegend ummantelt und schließlich eingegipst. Nachdem der Gips ausgehärtet ist, kann das Objekt abgehoben werden. Es wird dann in die Restaurierungswerkstatt geschafft, und kann dort unter optimalen Bedingungen freigelegt werden. Gegebenenfalls wird der Block vorher sogar geröntgt - was aber in unserem Fall nicht nötig ist.

Vgl. Egon Gersbach: Ausgrabung heute - Methoden und Techniken der Feldgrabung, (WBG) Darmstadt 1998, S. 46ff.: Zur Bergung zerbrechlicher Gegenstände - oder frage Deinen Grabungsleiter.

Das war die erste Blockbergung, die ich gesehen habe. Wir waren etwas skeptisch, weil wir nur wenige Gipsbinden dabei hatten, und weil wir uns nicht recht vorstellen konnten, dass sich dieser Block so einfach abheben ließe. Aber Wolf-Dieter hatte alles im Griff: Erfahrung siegt!
Bei dem Gefäß handelt es sich um unverzierte Gebrauchskeramik. Aber die Form ist so charakteristisch, dass wir hier den Zerstörungshorizont sehr gut datieren werden können. Und wer weiß, was wir noch alles unter dem eingestürzten Wall finden!

Allerdings stimmt mich dieser Befund doch sehr skeptisch, was den Versuch einer geophysikalischen Datierung unseres Zerstörungshorizontes angeht (Siehe → hier.). Denn soweit ich diese Datierungsmethode verstanden habe, ist die Vorraussetzung dafür, dass gebrannte Erde seit dem Brennen nicht mehr bewegt wurde. Und es könnte gut sein, dass hier die Erde während des Brandes in Bewegung war, was zu einigermaßen merkwürdigen Messdaten führen dürfte. Wir werden sehen.

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→ Offizieller Zwischenbericht mit Stand vom Oktober 2006 auf der Webseite der "Freunde der Archäologie"

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