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Lothars kleines Grabungstagebuch 2007
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
8. Folge: Zusammenfassung bis zum 09.09.
und
EINLADUNG zum TAG DER OFFENEN AUSGRABUNG

 In den vergangenen zwei Monaten war ich beruflich so sehr eingespannt, dass ich mein kleines Grabungstagebuch im Internet nicht fortführen konnte. Die Leser dieser Seite können sich sicher vorstellen, dass in dieser Zeit mehr passiert ist, als ich an einem kurzen Sonntagabend wiedergeben kann.
Allen Interessierten möchte ich ans Herz legen, uns zu besuchen am 

TAG DER OFFENEN AUSGRABUNG
BURGWALL ISINGERODE
22. September 2007
Neueste Funde und Befunde werden gezeigt und erläutert.



Wer nur  am ALLERNEUSTEN interessiert ist, kann → HIER gleich zum 09.09. springen.

23. / 24. Juni: Die Katastrophe

Starke Regenfälle der vorangehenden Woche müssen die östliche Profilwand über dem inneren, großen Graben aufgeweicht haben. Das Bild, das sich den Ausgräbern am Samstag bot, war erschütternd. Die Profilwand war in den Schnitt abgerutscht (Foto: Michael). Durch die Trockenheit in Winter und Frühjahr war das Material betonhart gewesen, in den vergangenen Wochen hatte es aber doch öfters geregnet.
Seit wir vor mehr als einem Jahr hier mit der Ausgrabung begonnen haben, träume ich davon endlich dieses Grabenprofil vollständig betrachten zu können. Wir waren sicher nur noch wenig von der Grabensohle entfernt. Jetzt wird das mit dem Profil ersteinmal so schnell nichts werden.

Werden wir mal poetisch: Was wollte uns der Geist von Isingerode mit dem Absturz der Profilwand sagen? Wollte er sagen:
"Wie tief wollt Ihr denn noch graben, unersättliche Ausgräber? Euch ist es nicht vergönnt, all dieses zu schauen."
(In Anlehnung an Cass.Dio 55.1.)
oder aber meinte er vielmehr:

"Wollt Ihr nicht meine schönsten Scherben-Schätze schauen,
die zwei-, dreitausend Jahre lang allein für Euch
in meinem Innern ich gehütet und bewahrt?
Warum nur grabt Ihr einen Schritt daran vorbei?
Doch meine Hilfe führt Euch auf den rechten Weg:
Ich öffne Euch die Wand, die sie verborgen hält."

Tatsächlich haben wir den Einsturz dann zunächsteinmal belassen, wie er war, und uns dem Westprofil zugewandt.

Naturwissenschaftliche Untersuchungen: Ganz verschiedene Beiträge aus der Geophysik

Schon Ende Mai hatte die Geophysikerin Frau Dr. Elisabeth Schnepp mit uns Kontakt aufgenommen. Sie arbeitetete mit einer mir bis dahin völlig unbekannten, noch recht jungen Methode zur naturwissenschaftlichen Absolutdatierung von - ja -  nicht Funden, sondern Befunden. Zur Anwendung dieser Methode benötigt man gebrannte Erde, die seit dem Brand nicht mehr bewegt wurde. Frau Dr. Schnepp hatte die Methode bereits mit gutem Erfolg an Befunden diesseits der Zeitenwende angewandt, und suchte nun Befunde, die bis in die frühe Eisenzeit und Bronzezeit grob vordatiert sind.
Unsere verkohlte Holzbalkenkonstruktion könnte hier gut geeignet sein.
Wie funktioniert diese Methode?
Ich versuche das mal, soweit ich es selbst verstanden zu haben glaube, knapp wiederzugeben. Bekanntlich "wandert" der magnetische Nordpol der Erde und damit verändert sich die Ausrichtung des Erdmagnetfeldes. Magnetische Teilchen im Boden richten sich nach disem Erdmagnetfeld aus. In gebrannter Erde aber wird ihre Ausrichtung konserviert. Aus der Abweichung zwischen der heutigen Ausrichtung des Erdmagnetfeldes und derjenigen von gebrannter Erde, die seit dem Brand nicht mehr bewegt wurde, kann man damit den Zeitpunkt des Brandes - wohl mit einer Genauigkeit von etwa 50 Jahren - errechnen. Allerdings wiederholt sich die Ausrichtung des Erdmagnetfeldes nach einem langfristigen Zyklus, so dass man für einen Befund gebrannter Erde schon wissen muss, ob er eher aus dem frühen Mittelalter, der Zeit um Christi Geburt, oder aus der Bronzezeit stammt. Am 15.07. hat Frau Dr. Schnepp bei uns Proben genommen. Nach der Grobdatierung von Keramikfunden erwarten wir, dass unsere Holzbalkenkonstruktion in der jüngsten Bronzezeit/frühesten Eisenzeit abgebrannt ist. Mit großer Spannung warten wir nun auf die Ergebnisse der Methode von Frau Dr. Schnepp. Wie aussagekräftig, und wie genau werden ihre Messergebnisse sein? Als zusätzliche Kontrolle wird sie einige 14C-Proben der Holzbalken datieren lassen. Gerade für die frühe Eisenzeit aber ist die 14C Methode (Kohlenstoffisotopmessung in organischem Material) sehr ungenau, da es in dieser Zeit  erhebliche Schwankungen des 14C-Gehaltes der Atmosphäre gab. Damit könnte der geophysikalischen Datierung für diese Epoche in Zukunft eine große Bedeutung zukommen. Leider nimmt die Aufbereitung der Proben einen langen Zeitraum in Anspruch, so dass wir mit Ergebnissen hier erst im Spätherbst rechnen können.

***

Fast schon zum Standard größerflächiger Ausgrabungen gehört heute die geophysikalische Prospektion. Diese misst geringfügigste Abweichungen in der Stärke des Erdmagnetfeldes, aus denen man auf im Boden verborgene Strukturen schließen kann.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Herr Dr. Thomas Schenk einen Teil der mutmaßlichen besiedelten Fläche für uns mit hervorragenden Ergebnissen vermessen. Nachdem das Feld, unter dem die Spuren unserer "Isiburg" liegen, abgeerntet war, hat er nun in diesem Jahr eine größere Fläche mit einem neuen, hochauflösend messenden Gerät untersucht. Schon die ersten, noch kaum aufbereiteten Bilder dieses "Boden-Scans" versetzten uns in höchste Begeisterung. Das Bild rechts ist nur ein kleiner Ausschnitt, ein Appetithappen. Wer das ganze Bild sehen möchte - und auch hören möchte, was für Schlussfolgerungen man aus diesem Bild ziehen kann, der sollte unbedingt zu unserem "Tag der offenen Ausgrabung" kommen.
Mit etwas Glück wird an diesem Tag dann auch noch ein dritter Geophysiker neueste Technologie im Umfeld der Isiburg testen, ein Experiment, dass man dann life miterleben kann, aber das soll eine Überraschung werden ;-).

Bemerkungen zum Stand der Grabung:

Obwohl wir  in diesem Jahr schon große Mengen Erde bewegt, viele Funde gemacht, und neue Erkenntnisse gewonnen sowie ältere Erkenntnisse gefestigt haben, sind wir mit diesem Platz noch lange nicht am Ende. Selbst nicht mit diesem einen Schnitt. Dabei hat das neue Magnetbild von Dr. Schenk uns auf eine ganze Reihe von Stellen aufmerksam gemacht, die auszugraben vielversprechend ist.
Wo aber stehen wir?
Im äußeren Graben - "Michaels Loch" - werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit in wenigen Wochen "durch" sein. Zumindest für diesen Abschnitt des äußeren Grabens lassen sich auch sehr konkrete Aussagen treffen. Bis jetzt liegen hier an die 4000 (!!!) Funde vor, Knochen und Keramik.
Foto links: Anpassende Scherben eines Henkelgefäßes; Foto rechts: Der halbe Unterkiefer - eines Hausschweins?
Alle datierbaren Funde weisen in die frühe Eisenzeit. Vorbehaltlich der Detailauswertung gehen wir davon aus, dass dieser Graben nur kurze Zeit in Gebrauch war, möglicher Weise in einer ganz konkreten Bedrohungssituation ausgehoben wurde, und später systematisch als Abfallgrube verfüllt wurde.  Wenn irgend möglich, müssen wir den äußeren Graben irgendwann nocheinmal an einer anderen Stelle schneiden, um zu sehen, ob sich hier ein ähnliches Bild ergibt.
Der innere Graben ist komplizierter. Er hat vermutlich mehrere Nutzungsphasen über Jahrhunderte hinweg erlebt , ist immer wieder ausgebaut und dabei immer weiter nach "außen" verlegt worden (siehe schematische Skizze in → Folge 7), 
Die Verfüllung der jüngsten Phase dieses Grabens erbrachte auch in den letzten Wochen immer wieder Funde, die sicher in die letzten Jahrzehnte vor Christi Geburt datieren. (Die Fotos zeigen nur eines von vielen Stücken.) Vor allem der unermüdlichen Arbeit von Achim Scheffler verdanken wir, dass wir diese Grabenphase bald vollständig "ausgelöffelt" haben. Die Arbeit in der Westhälfte des Schnittes bestätigt dabei die Ergebnisse der Arbeit in  der eingestürzten Osthälfte. Die nördliche, innere Böschung des Grabens ist allerdings in klar trennbaren Schichten aufgebaut, die Funde von der älteren Eisenzeit bis zurück in die beginnende jüngere Bronzezeit erbrachten.
Nach dem Einsturz der Ostprofilwand werden wir diese Schichten noch weiter bis in mehr als dreieinhalb Meter Tiefe verfolgen müssen. (Wir sind jetzt etwa auf zwei Meter.) Im "Wallbereich" haben wir höchstwahrscheinlich bei ca. 1m40 unter heutiger Oberfläche den gewachsenen Boden erreicht. Dieser fällt aber im Übergangsbereich zum Graben fast senkrecht ab. Zunächst können wir das bis in 2m Tiefe verfolgen. - Aber wie tief geht das so weiter?
Das Foto links zeigt eine sehr charakteristische Scherbe aus den ältesten Schichten mit schrägen Kanneluren auf der Gefäßschulter.

Nördlich, auf der Hochfläche, schließt sich ein Bereich an, in dem immer mehr verkohlte Bretter und Bohlen freigelegt werden. Hier gehen wir mit äußerster Vorsicht vor, und selbst bei optimistischster Schätzung werden wir in diesem Abschnitt dieses Jahr nicht mehr den gewachsenen Boden erreichen.
Ich persönlich hatte gehofft, dass all diese Hölzer zu einer einzigen Struktur gehören, über deren Konstruktion wir nach einer Zusammenschau dann sehr konkrete Aussagen treffen könnten. Wolf-Dieter Steinmetz, unser Grabungsleiter aber erkennt bereits jetzt zwei zu trennende Schichten, so dass für jede Bauphase weniger Material zur Rekonstruktion der Architektur übrigbleibt. Und nach langem Betrachten der Befunde muss ich sagen: Er hat wohl Recht.
Weiter im Inneren der Anlage schließen sich Strukturen an, die wir bisher nur aus dem neuen Magnetbild kennen. Es gibt noch soooo viel zu tun. - Graben wir's aus!

Tierische Besucher auf der Grabung:

09.09. - Nach offizieller Zählung der 51. Grabungstag der diesjährigen Kampagne

Den "Fund des Tages" machte heute die aus Hornburg stammende Archäologiestudentin Lisa. Im Bereich der Holzbalkenkonstruktion konnte sie eine besondere Scherbe bergen. Der Rand der  Scherbe weist eine ausgeprägte Ecke auf, einen "Zipfel". Parallel zum Rand verlaufen zwei Reihen von Fingernageleindrücken, auf den "Zipfel" laufen drei Rippen zu. Hier wird erlaubt sein, diese Scherbe dann tatsächlich als Teil einer sogenannten "Lappenschale" zu betrachten.


(Über die Begriffe "Lappenschale" und "Kalenderberg-Keramik" hatte ich schon an anderer Stelle auf dieser Seite geschrieben. Siehe → HIER.)

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→ Offizieller Zwischenbericht mit Stand vom Oktober 2006 auf der Webseite der "Freunde der Archäologie"

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