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   Sonntag, 17 Uhr: Ein heftiger Regenschauer vertreibt uns aus dem Schnitt.

Lothars kleines Grabungstagebuch 2007
Persönliche Erlebnisberichte  von der Ausgrabung am Burgwall Isingerode
5. Folge: 26./27. Mai

Nach fast 14-tägiger Pause ging es am Samstag wieder in den Schnitt - allerdings ohne mich. Ich war beruflich anderweitig eingebunden, und leider wird das dieses Jahr Samstags noch oft der Fall sein. Am Sonntag musste ich mir erzählen lassen, was ich verpasst hatte. Eine "Archäologie AG" des braunschweiger Wilhelm-Gymnasiums hatte uns besucht. Immerhin sehen auch die Lehrpläne für Niedersachsen noch ein ganz wenig Vorgeschichte in Klasse 5 vor. Ich halte es für sehr sinnvoll, dass die Schüler  sich mal ansehen, wo denn die Behauptungen in den Schulbüchern herkommen - oder zumindest herkommen sollten. Aber zu "Vorgeschichte im Unterricht" werde ich vielleicht später eine gesonderte Seite schreiben.
 Wolfgang Marienfeld: Ur- und Frühgeschichte im gegenwärtigen Schulbuch, in: Die KUNDE 45 / 1994, S.221-242. (Sicher hat sich da in den  vergangenen Jahren einiges getan, ich befürchte bloß, es hat sich nur wenig gebessert. Ich werde mich damit aber nochmal eingehender   befassen.)


Am Sonntag zeigte mir Liane eine wirklich "schöne Scherbe", die Jutta am vorherigen Tag im "Innenraum", ca. 2m nördlich der Holzbalkenkonstruktion gefunden hatte.
Die Scherbe ist flächendeckend mit Fingernageleindrücken verziert. Diese Verzierung ist ungewöhnlich. Gefäße mit ähnlicher Verzierung werden unter dem Begriff "Kalenderbergkeramik" zusammengefasst. (→ Vgl. einen Fund aus dem vergangenen Jahr.) Dieses Stück, um Missverständnissen vorzubeugen, verweist wohl nicht auf Beziehungen zur früheisenzeitlichen Hallstadtkultur in Niederöstereich, sondern eher in die entgegengesetzte Richtung. Nach meinem laienhaften Verständnis finden sich solche Verzierungen in unserer Region oftmals auf einem Gefäßtyp, der als "Lappenschale" bezeichnet wird. Diese "Lappenschalen" gehen möglicher Weise auf verstärkte Kulturimpulse aus dem Norden am Ende der Periode IV zurück. Lappenschalen aus datierbaren Fundzusammenhängen in unserer Region werden in Periode IV/spät und Periode V gestellt. Die Schicht, aus der der Fund stammt, datieren wir vorläufig um einiges später. Die bereits deutlich abgerundeten Bruchkanten dieser Scherbe, nicht aber anderer Scherben aus der gleichen Schicht, sprechen dafür, dass es sich hier um ein mehrfach umgelagertes Objekt handelt. Das macht sehr unwahrscheinlich, dass wir weitere Scherben des gleichen Gefäßes finden. Schade - denn die eine Scherbe macht natürlich noch keine Lappenschale.
 Immo Heske: Jungbronzezeitliche Lappenschalen im östlichen Braunschweiger Land, in: NAFN 23 /  2002, S.103-124.


Im vergangenen Winter hat sich in meinem Hinterkopf die Idee von gewissen kulturellen Umbrüchen - und damit erzählbarer Geschichte - in Periode V (Späte Bronzezeit) festgesetzt. Das wurde inspiriert durch Andeutungen in Immo Heskes Dissertation "Die Hünenburg bei Watenstedt usw." ( Neumünster 2006 - ein "MUST" für die Beschäftigung mit der jüngeren Bronze-/ frühen Eisenzeit). Die Auswertung unserer Funde und Befunde des vergangenen Jahres durch Wolf-Dieter Steinmetz spricht für einen Hiatus (Siedlungsunterbrechung) in P V. Das würde mir gut ins Bild passen, falls es sich bestätigt. Wenn wir diese Lücke noch schließen können, werde ich auch nicht böse sein. Die Frage ist: Mit welchem Material? Von Isingerode dürfen wir in jedem Fall einen wichtigen Beitrag zur Rekonstruktion der Zeit um vor etwa 3000 Jahre erwarten. 

← Ein weiterer Fund (Reinhard) aus der Ascheschicht im Innenraum: Scherbe mit "Kreuzstrich".

An der tiefsten Stelle unseres Schnittes im inneren Graben auf mittlerweile 2 m 70 Tiefe unter der heutigen Oberfläche zeichnet sich der Boden der dunkel-lehmigen, mutmaßlich späteisenzeitlich / frühkaiserzeitlichen Verfüllung ab. Dort fand sich nicht der scherzhaft gewünschte tote Römer. Immerhin lagen dort mehrere Knochen in einem Erhaltungszustand, der vielleicht eine Bestimmung des Tieres erlaubt, zu dem sie gehört haben. Noch darunter, in einer Schicht aus ganz anderem Material (grober Kies), kamen dann wieder Scherben zu Tage. Darunter war eine Bodenscherbe mit mehreren besonderen Merkmalen. Leider habe ich dazu kein Foto. Der Boden der Scherbe war von der aufsteigenden Gefäßwand deutlich abgesetzt und an der Außenkante mit Eindücken versehen. Wenn man den Boden also von unten betrachtet, sieht er nicht wie ein Kreis, sondern eher wie ein Zahnrad aus. Nach erstem Augenschein ordnet unser Grabungsleiter diesen Fund nicht in die späte Eisenzeit ein. Wie tief wird es hier noch weiter gehen? Wir benötigen dringend zwei Leitern...

Ich selbst machte mich am Sonntag auf, dem Übergang zwischen innerem Graben und "Wallbereich" zu Leibe zu rücken. Um 17 Uhr setzte ein heftiger Schauer ein, der uns aus dem Schnitt flüchten ließ. Die nördliche Wand des Bereichs, in dem ich gearbeitet hatte, bestand vollständig aus lockerem Kies und rutschte durch den Regen einfach ab (siehe Foto unten). Abgesehen davon, dass ich gerade einen neuen Abtrag begonnen hatte, der nun verschüttet war, wollen wir dem trotzdem eine positive Erkenntnis abgewinnen. Die bis zu einem Meter mächtige Kiesschicht fällt zum Graben hin steil ab. Über ihr liegt eine bis zu 20 cm mächtige, helle Lehmschicht. Es ist nun wohl anzunehmen, dass es sich bei letzterer um einen Auftrag zur Sicherung der Böschung handelt! Während die dunkel-humose Grabenverfüllung oberhalb dieser Lehmschicht immer wieder Funde der späten Eisenzeit / frühen Kaiserzeit erbrachten, gilt das nicht für die Funde darunter. Eine größere Randscherbe, die ich in ca. 1,70 m Tiefe unter der heutigen Oberfläche direkt unter der besagten Lehmschicht fand, sah in keiner Weise nach später Eisenzeit aus. Eine weitere Scherbe von direkt über dieser Lehmschicht weist leider keine charakteristischen Merkmale auf. Die Lehmschicht, die mir bereits im vergangenen Jahr Kopfzerbrechen bereitet hatte, ist aber definitiv ein künstlicher Auftrag. Sie trennt späteisenzeitliche Funde von früheisenzeitlichen / bronzezeitlichen. Bleibt die Frage, in welchen von beiden Epochen sie aufgebracht wurde. Im Wallbereich, wo am Sonntag Liane und Hugo arbeiteten, deutet sich an, dass es mehrere solche Lehmaufträge über Kiesschotterschichten gibt. GEDULD! Schon nächste Woche werden wir etwas klüger sein. Wann aber werden wir das alles wirklich verstehen?  

↑ Wir suchen Schutz vor dem Regen unter den schnell aufgebauten Pavillons.


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↑ Schnittwand abgestürzt.

Am Pfingstmontag herrschte ein ungemütlicher Dauerregen, sodass wir (nur Michael, Uwe, Wolf-Dieter und ich waren gekommen) nicht in den Schnitt gingen. Sollte es einen feuchten Sommer geben, werden wir uns eine Art Grabungszelt bauen müssen. Aber ich habe da schon eine leicht und kostengünstig umzusetzende Idee.
In allen Bereichen unseres Schnittes bleibt es spannnend. Nirgendwo, sieht man von einem wenige Meter breiten Streifen zwischen innerem un äußerem Graben ab, ist der gewachsene Boden erreicht. 
Am kommenden Wochenende werde ich nur kurz auf der Grabung sein können.  Aber wenn es etwas Berichtenswertes gibt, wird es bald  hier zu lesen sein.

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→ Offizieller Zwischenbericht mit Stand vom Oktober 2006 auf der Webseite der "Freunde der Archäologie"

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