18.02.2007: Ein wunderbarer Sonntag im Februar. Die Sonne scheint. Mit plus neun Grad liegt die Temperatur sechs Grad über dem langjährigen Jahresmittel - so behaupten die Wetterfrösche im Fernsehen. Es wäre eine Sünde, den Tag in der Stube zu verbringen. Zwar lockt in Braunschweig der "Schodüwel" als großes "kulturelles" Ereignis, aber mich zieht es doch eher hinaus in die Landschaft. Und die Familie kommt mit. Die Kinder also dürfen leider nicht auf die Jagd nach Bollchen gehen, sondern müssen mit Papa eine kleine archäologische Wanderung auf sich nehmen. (Vorweg: Es hat ihnen sehr gut gefallen, und Süßes gab es in Form von leckerem Kuchen im Anschluß bei Tante Marion in Erkerode.)

Archäologischer Familienausflug nach
Schöningen
- Burg auf dem Berg und imTal ein großes Loch -

Das Ziel sollte die Gegend um Schöningen sein. Hier steckt der Boden so voller Archäologie, dass wir uns auf wenige Punkte beschränken mussten. Fast kann man sagen:

Die Ur- und Frühgeschichte des Braunschweiger Landes beginnt und endet in Schöningen.

Sie beginnt mit den im Braunkohletagebau entdeckten "ältesten Speeren der Menschheit". Grob vierhunderttausend Jahre alt sollen die Spuren des von Dr. Hartmut Thieme untersuchten Wildpferdjägerlagers sein. Dies ist ein Fundplatz von Weltrang, der unser Bild vom Frühmenschen durchaus verändert hat. 
Die Ur- und Frühgeschichte unserer Region endet gewissermaßen mit der ersten Erwähnung zweier Ortsnamen in den Fränkischen Reichsannalen. Einer von beiden lautet SCAHANINGI nahe des FLUVIUS MISSAHA. Das ist unser Schöningen an der Missaue. Wohl in den 790er Jahren aufgezeichnet, soll dort im Jahre 748 das fränkische Heer des Pippin gelagert haben, während sein mit ihm verfeindeter Bruder Grifo mit sächsischen Truppen bei ORHAIM an der OBACRA (Ohrum an der Oker) lag. Irgendwo dazwischen hätte es seinerzeit zur großen Entscheidungsschlacht um die Vorherrschaft im Frankenreich kommen können. Die Heere aber "schieden nach friedlicher Übereinkunft voneinander". Vermutlich wollten die Sachsen, die einen großen Teil der Truppen Grifos stellten, dann doch nicht ihren Kopf für eine Sache hinhalten, die im Grunde nicht die ihre war.
Kurzfristig kann ich die großen Textabweichungen zwischen dem lateinischen Text auf der Webseite The Latin Library und der Billigausgabe einer deutschen Übersetzung (Abel/Wattenbach: Hat zwei Aussagesätze mehr für das Jahr 748 bzw. 747) im Bücherregal neben meinem Computer nicht klären. Man sehe doch in der MGH nach.

Zunächst ging es zum "Informationspunkt" am Rande des Tagebaus zwischen Schöningen und Hötensleben. Wenn man so am Rande des riesigen Loches steht, schießen einem verschiedene Gedanken durch den Kopf. Als erstes ist man vielleicht einfach beeindruckt. Als nächstes kommen einem große Bedenken angesichts der großflächigen Landschaftszerstörung. Dann aber wieder erinnert man sich daran, dass der Strom daheim ja nicht einfach aus der Steckdose kommt. 
Mein erster Gedanke war freilich ein ganz anderer: Mittelbar verdanken wir diesem Tagebau eine Fülle archäologischer Fundplätze und wichtiger Erkenntnisse, die es ohne ihn nicht gegeben hätte. Einen ungefähren Eindruck davon vermittelt die schöne Fundstellenkarte auf der Webseite "Erbe der Menschheit". Es sind ja nicht nur die "Speere", die hier zu finden waren.  Mich persönlich interessieren noch mehr die Jungsteinzeit, die Bronze- und die Eisenzeit. Sicher wird es noch einige Jahre dauern, bis alle Funde und Befunde ausgewertet und publiziert ist. Das alles aber gäbe es auch nicht ohne das Projekt "Archäologische Schwerpunktuntersuchungen im Helmstedter Braunkohlerevier" des Landesdenkmalamtes und den unermüdlichen Einsatz von Hartmut Thieme.
Für die Kinder boten die vielen Findlinge am Informationspunkt einen tollen Kletterspielplatz. Mehr Familienfotos gibt es auf Lothars Linse.

***

Den zweiten Teil des Tages wollten wir mit einem "Klassiker" verbringen:
Goldener Hirsch - Elmsburg - Hügelgräber.
Die Strecke ist auch mit Kindern (unsere sind vier und sieben) gut zu bewältigen, und gerade im Bereich der Elmsburg können nicht nur die archäologiebegeisterten Papas, sondern auch die Kinder richtig auf Entdeckungsreise gehen. Burgruinen und alte Geschichten von verborgenen Schätzen gibt es nicht nur bei Enid Blyton in England, Geister spuken nicht nur in Joanne K. Rowlings Harry Potter Geschichten, sondern auch bei uns um die Ecke. Das Abenteuer wartet auf die Kinder nicht im Fernsehen, sondern im echten Wald mit echten Ruinen. Es ist "unser" Wald, es sind "unsere" Ruinen und "unsere" Geistergeschichten.

Beim "Goldenen Hirsch" haben wir es nicht mit Archäologie, sondern mit Geologie zu tun. Die Eiszeit hat den mächtigen Block den Elm hochgewälzt. Seinen Namen soll der Stein von einer Sage haben, die erzählt, ein König habe einst einen Schatz in Form eines goldenen Hirsches unter ihm verborgen. Leider ist diese Geschichte in Kriegers Elmsagen nur mit einem Satz erwähnt. (Wer ältere und ausführlichere Fassungen der Sage kennt, teile mir dies bitte mit.) Esoteriker glauben daran, dass sich hier "Kraftlinien" kreuzen. Auch gibt es ja bei jedem auffälligen Stein im Gelände die Vermutung, die alten Germanen hätten in seiner Umgebung "gekultet". Solche Ideen waren gerade in der Nazizeit populär. Aus dieser Zeit wird wohl auch der "im zweiten Jahre des Aufbruchs" gesetzte Gedenkstein mit einer blumigen Anrufung stammen. 

Wie gesagt: Vorgeschichtliche Spuren im direkten Umfeld des Goldenen Hirsches sind nicht gefunden worden.

Wenige Minuten vom Goldenen Hirschen entfernt stößt man im Wald auf die 1959/60 und 74 durch Ausgrabungen von H. A. Schultz freigelegten Grundmauern der Elmsburg. Die Elmsagen berichten, dass hier nachts der Geist eines Burgfräuleins umhergeht. Nun - es war ja Tag, so dass wir der Dame nicht begegnen konnten... ;-)
Die schriftliche Überlieferung weiß wenig Spannendes zur Elmsburg. Hier erfahren wir vor allem etwas über die Besitzverhältnisse ab dem 13. Jahrhundert. Ab 1221 war hier die Zentrale des Deutschen Ritterordens für unsere Region angesiedelt, bis diese 1264 ins Reitlingstal bzw. nach Lucklum verlegt wurde. Erstmals erwähnt wird sie für das Jahr 1213, sie mag aber deutlich älter sein. Schultz nimmt eine Errichtung bereits im 11. Jahrhundert an. Für einen äußeren Wall wird vermutet, dass er sogar schon in vorgeschichtlicher Zeit errichtet wurde. Krone erwähnt Keramikfunde, die in die jüngere Eisenzeit datieren sollen. Das alles ist aber in hohem Maße unsicher. Die Untersuchung des Walles durch Schultz jedenfalls lieferte keine datierenden Funde.
Früher hätte man in dem Ringwall gerne die Reste des Heerlagers von Pippin aus dem Jahre 748 erblickt (siehe oben). Dafür finden sich allerdigs nicht die geringsten Indizien. Ebenfalls zu den Irrungen der Forschungsgeschichte kann die 1846 vom Braunschweiger Stadtdirektor Wilhelm Bode vertretene Ansicht gezählt werden, bei der Elmsburg handle es sich um die ehemalige Kaiserpfalz Werla, die seinerzeit noch nicht sicher lokalisiert war.

Am besten erkennbar sind direkt am Weg die Grundmauern der ehemaligen Kapelle. Nach weiteren Spuren der mittelalterlichen Burg muss man ein wenig suchen. Während ich mit Jasmin, meiner Großen, den inneren Wall durch den Wald verfolgte, um einen Eindruck von den Dimensionen der Burg zu gewinnen, entdeckte Julia zusammen mit ihrer Mama den Brunnen, und sie winkten uns heran. 
Im Bereich der Elmsburg fehlt wirklich eine Erläuterungstafel, wie auf der Webseite von Braunschweig-Touren treffend kritisiert wurde. (Ich weiß, so ein Ding ist teurer, als man denkt...) Ich selbst hatte natürlich den Archäologischen Führer dabei.


Westlich der Elmsburg liegt eine Reihe von Hügelgräbern. Krone zählte ihrer elf, Geschwinde kommt auf vierzehn. 1926 wurden einige der Hügel untersucht. In dem der Elmsburg am nächsten gelegenen fanden sich die Steineinfassungen von vier Gräbern. Diese wurden offen gelassen und mit einem Zaun umgeben, so dass man sie betrachten kann. Leider konnten hier keine eindeutig datierbaren Funde gemacht werden. Auch zu Befunden, die uns vielleicht eine Antwort auf so spannende Fragen geben könnten wie "Waren die Bestattungen gleichzeitig, oder erfolgten sie nacheinander?" findet sich in der einschlägigen Literatur nichts. Bei Krone findet sich eine Skizze zu den Gräbern, auch erwähnt er, dass einige Gräber leer (alt beraubt?) waren, andere "Skelette in hockender Stellung" enthielten. Allerdings wird nicht einmal erwähnt wie die Hocker ausgerichtet waren. 

Das ist das Leid mit vielen Altgrabungen. Wenn wir die Gräber als "Zeugen der Vorzeit" betrachten wollen, stellt sich die Frage, wovon sie denn eigendlich zeugen, denn im Grunde liegen keine aussagekräftigen Befunde vor. Die Gräber werden vielfach in Überblicksdarstellungen der frühbronzezeitlichen "Aunjetitzer Kultur" zugeschrieben. Das ist eine reine Vermutung. Entsprechend vorsichtig äußert sich Geschwinde. Zu gerne hätte ich im Wald noch nach den weiteren Hügeln gesucht. Vom Weg aus konnte ich nichts sicher erkennen. Aber die Zeit war schon fortgeschritten, und die Kinder errinnerten daran, dass wir noch zum Kaffee eingeladen waren.

Skizze der Grabkammern bei KRONE, S. 74 →

Also: Irgendwann sollte sich nochmals jemand systematisch mit den Hügelgräber und dem Wall beschäftigen. So bald wird das allerdings kaum der Fall sein. Zwar gibt es im Landkreis Helmstedt eine Kreisarchäologin, aber die Gegend ist ja nicht gerade arm an Bodendenkmälern.

In jedem Fall aber gilt: Schön war's in Schöningen!


  • Fritz J. Krüger (und andere): Braunschweiger Land (Wanderungen in die Erdgeschichte 19), München 2006.
          S. 95-103 (Braunkohletagebau) und S. 82f (Goldener Hirsch/Elmsburg)
  • Hartmut Thieme: Die größte archäologische Ausgrabung in Niedersachsen - Bedeutende Entdeckungen zur Urgeschichte
          im Tagebau Schöningen, in Fansa/Both/Haßmann: ArchäologieLandNiedersachsen, (WBG) Darmstadt 2004, S. 294-299.
  • Otto Krone: Vorgeschichte des Landes Braunschweig, Braunschweig 1931.
          S. 72ff (Hügelgräber); S.126 (Elmsburg)
  • Hery A. Lauer: Archäologische Wanderungen in Ostniedersachsen - ein Führer zu Geländedenkmälern, Göttingen 1979.
          S. 155f (Elmsburg)
  • Wolf-Dieter Steinmetz (Red.): Das Braunschweiger Land - Führer zu den archäologischen Denkmälern in Deutschland 34,
          Stuttgart 1997.
          S. 178-188 (R.Maier:"Braunkohlearchäologie"); S.273-276 (H.-W. Heine: Elmsburg); S.276f (M.Geschwinde: Hügelgräber)
  • Wilhelm J. L. Bode: Der Elm mit seiner Umgebung und seinen Denkmälern der Vorzeit, Braunschweig 1846.
          S.9f und 22 (Elmsburg als "Werla")
  • Herman Lühmann: Die vor- und frühgeschichtlichen Befestigungen auf dem Heeseberge, im Oder und am Reitlingstale
          im Elm, (Sonderdruck aus Gustav Kossinna (Hrsg.): Mannus – Zeitschrift für Vorgeschichte V. Ergänzungsband,
          S. 197-239.) Leipzig 1927.
          S.208(=12) (Elmsburg)

  •  Braunschweig Touren: Elmsburgtour mit Wegebeschreibung und Karte
  • Heinz-Bruno Kriegers Elmsagen
  • Projekt Schöningen beim Landesdenkmalamt
  • Schöninger Speere: Erbe der Menschheit e.V.
  • Und natürlich kann man sich auch die einschlägigen Artikel bei Wiki ansehen...

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